ÜBERLAND - mit dem Fahrrad von Dresden nach Indien
Die Reise entstand einerseits aus einem alten, schon wieder fast vergessenen Plan und andererseits aus dem Bedürfnis, in dieser fremden Kultur einmal langsam anzukommen.
Obwohl mir Indien nach einigen längeren Reisen schon recht vertraut schien, war die Ankunft auf dem Flughafen doch jedesmal ein kleiner Kulturschock. Ich hatte mir also ein gebrauchtes Rad für sehr wenig Geld gekauft und bin Ende September 2000 ziemlich kurz entschlossen von Dresden in Richtung Südosten losgefahren. Ein gebrauchtes Rad deshalb, weil ich es nach der Ankunft in Indien ohne Reue verschenken wollte. Ich war aus früheren Erfahrungen der Meinung, dass Indien aufgrund der recht harschen Verkehrsverhältnisse kein ausgesprochenes Radreiseland ist. Da ich mich aber dann doch nicht mehr von dem mittlerweile schon zwei Mal zusammengebrochenen und wieder reparierten Gefährt trennen konnte, wurde aus dieser geplanten Anreise eine Radreise von 35.000 km über 20 Monate. Die Meinung jedoch blieb die gleiche.
Das Fahrrad stellte sich als ein Transportmittel mit einer optimalen Geschwindigkeit heraus. Die Seele kann beim Reisen mithalten und wird nicht in kurzer Zeit mit zu vielen Eindrücken zugeschüttet. Sicher war es mit Gegenwind, Schneestürmen, Wüsten, endlosen Anstiegen, schlechten Strassen, aggressiven Hunden, Steine werfenden Kindern und rücksichtslosen LKW-Fahrern nicht immer die pure Erholung. Aber die unglaubliche Gastfreundschaft der Menschen vor allem in den islamischen Ländern, traumhaft schöne Landschaften, Basare und Moscheen wie aus 1001 Nacht und nicht zuletzt ein Hauch von Abenteuer machten viele Unannehmlichkeiten wieder wett.
Als ich Ende Dezember 2000 nach 10.000 km Fahrt über den Balkan, die Türkei, den Iran und Pakistan die Grenze nach Indien passierte, hatte ich nicht das Gefühl, als ob sich seit der Abfahrt viel verändert hätte. Es war angenehm, das Fahrrad mal ein Weilchen in der Ecke stehen zu lassen und ich verbrachte einige Wochen radlos in der Gangesebene und in Nepal. Dann erfüllte ich mir einen lang gehegten Wunsch und überquerte den Himalaya-Hauptkamm mit dem Fahrrad, nachdem ich in den Jahren zuvor schon zweimal von Süden nach Ladakh gelaufen bin.
Nach der Rückfahrt ins Tiefland über Kaschmir im Herbst 2001 dachte ich mir, wenn ich jetzt schon wieder an der pakistanischen Grenze bin, kann ich auch gleich wieder mit dem Rad nach Hause fahren. Als ich am Mittag des 11. September 2001 in Pakistan einreiste, ahnte ich natürlich nicht, welche Schlagzeilen am nächsten Morgen die Presse beherrschten. Und als Mister Bush dann seinen globalen Feldzug zur Vernichtung des Bösen ankündigte und die Unterstützung der pakistanischen Regierung für seinen Krieg in Afghanistan kaufte, wurde die Stimmung in Pakistan gegenüber amerikanisch aussehenden Menschen etwas unentspannter und ich beschloss nach einigen Tagen in Lahore, nach Indien zurückzukehren. Dies aber nur zur Durchreise nach Nepal, da auch mein indisches Visum nur noch einige wenige Tage gültig war.
Nach einer West-Ost-Durchquerung Nepals mit der sehr aufregenden Prozedur einer dritten Visum-Verlängerung in Kathmandu ergab sich die Möglichkeit, weitere 6 Monate in Indien zu verbringen. Da sich meine bisherigen Indienaufenthalte immer auf den Norden beschränkten, nutzte ich die Gelegenheit und fuhr über Darjeeling, Sikkim und Calcutta die Ostküste entlang nach Süden. Die südindischen Bundesstaaten stellten sich als eine nochmals andere Kulturlandschaft heraus und ich war meist froh, dies alles mit dem Fahrrad bereisen zu können. Viele Gegenden, wie die großen Deltalandschaften an der Ostküste oder kleine Dörfer in den Mittelgebirgen an der Westküste wären mit Bus und Bahn teilweise gar nicht erreichbar gewesen.
Nach dem Rückflug von Bombay nach Deutschland traf mich der bis dahin so erfolgreich vermiedene Kulturschock dann doch noch mit voller Wucht in Frankfurt am Main und zur Akklimatisation fuhr ich über Süddeutschland, die Schweiz und Italien langsam zurück nach Dresden. Nach 20 Monaten wieder zuhause, endete eine faszinierende Reise durch verschiedenste Kulturen mit überraschenden Begegnungen, die mir viele neue Einblicke eröffnete, aber auch so manche Illusion verschwinden ließ.
Und das Rad fährt übrigens noch
