INDIEN, Anfang Januar 2007

Liebe Leute,
ein verspätetes gutes neues Jahr für Euch alle. Bin nun schon ein kleines Weilchen in Indien, der Kulturschock bei der Ankunft in Bombay war gar nicht so groß. Bin gleich nachts noch mit dem Local-Bus zum Bahnhof gefahren (ein paar Brocken Hindi sind sehr hilfreich, um sich die Taxi-Wallahs vom Leibe zu halten) und hab dort 3 Stunden zusammengerollt um meinen Rucksack auf einem Holzwagen geschlafen. Um mich herum auf dem Boden schliefen Hunderte andere, allerdings mußten sie auf keinen Rucksack aufpassen. In Nasik hab ich dann festgestellt, daß die Kumbha Mela nicht da stattfindet, sondern nach 6 Jahren schon wieder in Allahabad. Keiner konnte mir erkären, warum. Sehr schade, Nasik ist die letzte der Kumbha Mela-Städte, die mir in meiner Sammlung noch fehlt. Allahabad ist mir zu weit entfernt, also bleibe ich erst mal hier in der Gegend. Nasik ist eine schöne alte Stadt, in der Nähe entspringt in einem Tafelgebirge der Fluss Godwari. Alles heilige Plätze mit dem entsprechenden Pilger-Gewusel, aber mit viel altem indischen Leben.
Bin dann nach ein paar Tagen nach Palitana in Gujarat weitergefahren, dem Hauptheiligtum der Jains. Shatrunjaya, über 800 Tempel auf einer Bergkuppe, ist absolut malerisch und nur über 3.800 Stufen zu erreichen. Die Jains sind eine Religionsgemeinschaft, die mit dem Hinduismus nicht viel gemein hat, vieles aus ihren Philosophien erinnert eher an den Buddhismus. Keine Kasten, nur einen Gott und eine fast schon exzessive Verehrung alles Lebendigen. Ihr letzter Prophet, Mahavira, lebte zu gleicher Zeit wie Buddha, vielleicht gibt es deshalb so viele Parallelen. Der Vater des vorletzten Propheten, Parshva, war der Bruder von Krishnas Vater Vasudeva, es wird schon auch aufgepaßt, das alles bissl in der Familie bleibt. Ich hatte das große Glück und hab ein Zimmer in einer Pilgerherberge bekommen, in der sehr viele der Heiligen Frauen der Jains lebten. Sie wohnen eine Weile da, um ihre Yatra durchzuführen, also 108 mal auf den Berg zu gehen und zu Adinath zu beten. Barfuß, manchmal 7 mal am Tag, ohne essen und trinken. Sie waren restlos begeistert, da sie mich mehrere Male hochgehen sahen. Ich hab ihnen natürlich nicht erzählt, dass meine Hauptmotivation nicht Erleuchtung, sondern Belichtung von Dia-Filmen war. In kurzer Zeit hat sich eine sehr herzliche Atmosphäre entwickelt, sie haben mich in der Vollmondnacht mit auf den Berg genommen. Eine unglaubliche Szenerie, wie diese in weiße Gewänder gehüllten Gestalten im Mondlicht die Stufen hinaufgeschwebt sind und dann oben vor dem noch veschlossenen Tor singend um Einlaß gebeten haben. Sie dürfen nicht berührt werden, wenn sie etwas geben oder nehmen, wird es immer erst auf den Boden gelegt. Sie sind ausschließlich barfuß laufend unterwegs, besitzen außer ihrer Kleidung nichts und sind nach allem, was ich bisher mit Sadhus erlebt habe, wohl die wahren Asketen Indiens.
Danach bin ich zurück nach Ahmedabad gefahren, um das jährlich stattfindende Kite-Festival mitzuerleben. Die Stadt ist mit ca. 7 Mio. Einwohnern zwar nicht zu groß, aber unglaublich abgasbelastet und laut. Hier könnte man 1 Stunde im Berufsverkehr auf dem Schillerplatz in Dresden sitzen mit absolut ruhigem Gewissen als Sauerstofftherapie verkaufen. Mir ist schleierhaft, wie man in diesem Smog überleben kann. Ich hatte schon am 2. Tag Kopfschmerzen und konnte gar nicht mehr mit husten aufhören. Ganze Stadtviertel leben für das und von dem Fest, überall werden Dachen gebaut und verkauft. Schnüre werden gefärbt und mit Glaspulver beschichtet, um andere Drachen vom Himmel zu sägen. Am eigentlichen Festtag waren alle Läden zu und wahrscheinlich fast alle der 7 Mio. auf den Dächern ihrer Häuser. Musikanlagen mit zumeist defekten, aber trotzdem unheimlich lauten Lautsprechern hätten für ein ganzes Stadtviertel genügt, aber auf jedem 2. Dach stand eine. So muß es sein, Inder können alles ertragen, nur keine Ruhe. Ich wurde ständig mit auf die Dächer eingeladen, durfte mit Drachen fliegen (meine waren meist ziemlich schnell abgesägt) und zum fotografieren war es natürlich auch phantastisch. Zigtausende zappelnde bunte Drachen am Himmel, nach Sonnenunterrgang gabs Feuerwerk und nachts schwebten die Drachen mit kleinen Kerzenlämpchen am Himmel.
Jetzt bleibe ich ein paar Tage in hier Junagadh, einer kleinen Stadt mit einem heiligen Berg, zu dessen Tempeln diesmal 10.000 Stufen führen und versuche mal, den Dreck wieder aus meinen Lungen zu kriegen.