INDIEN, Mitte Februar 2007
Liebe Leute,
hier kommen mal wieder ein paar Grüße aus dem chaotischen, lauten, aber trotzdem liebenswerten Indien. Ich bin gerade auf dem Weg nach Varanasi, um dort bei Shivratri, dem großen Shiva-Fest dabeisein zu können. Es ist ziemlich weit weg von Süd-West-Rajasthan, deshalb steige ich immer mal wieder für ein paar Tage aus demZug oder Bus aus. Es gibt ja ein paar sehr schöne Orte. Mt. Abu mit den Dilwara-Tempeln, 800 Jahre alte Jain-Tempel aus weißem Marmor, unbeschreiblich schön mit Skulpturen und Ornamenten verziert. Bildhauerkunst in einer Perfektion, zu der heute vielleicht gar niemand mehr fähig ist. Der größte der Tempel hat vor 800 Jahren schon 190 Mio. Rupies gekostet, eine Summe, die zu dieser Zeit astronomisch hoch gewesen sein muß. Den Künstlern wurde das Gewicht dessen, was sie aus den Marmorblöcken herausgepickert haben, in Gold aufgewogen. Udaipur mit seinen Seen und Palaesten, touristisch total erschlossen mit Apfelkuchen und Filterkaffee im Cafe Edelweiss (völlig dekadent, aber dieser Versuchung hab ich gar nicht erst versucht zu widerstehen). Oder das eher noch verschlafene Bundi, voll mit prallem indischen Leben. Was in 10 Jahren sicher ganz anders aussehen wird…..
Obwohl das Herumreisen hier in Indien viel einfacher geworden ist (dank Computervernetzung klappen die Sitzplatzreservierungen, Züge sind relativ pünktlich) ist es immer noch sehr mühsam. Die Straßen sind zum Teil extrem schlecht oder im Bau (was noch schlimmer ist), an manche Busse traut man sich vor Angst, sie könnten bei der leisesten Berührung in sich zusammenfallen, nicht mal anzulehnen. Wenn ich jetzt so im Bus sitze und vorne rausschauen kann (meist ist es deutlich entspannter für die körpereigene Adrenalinproduktion, dies nicht zu tun), wird mir erstmal richtig bewußt, dass ich nicht nur einen Schutzengel gehabt haben muß, als ich vor ein paar Jahren mit dem Fahrrad kreuz und quer durch den Subkontinent gefahren bin. Die Busfahrer sind absolut rücksichtslos (die machen in diesem Leben mit Sicherheit keinen großen Sprung mit ihrem Karma, ich wünsche allen, daß sie in ihrem nächsten Leben als Radfahrer wiedergeboren werden). Alles, was kleiner ist als der Bus, hat Platz zu machen. Autos mit eingeklappten oder schon abgefahrenen Spiegeln schrammen mit Millimeterabstand vorbei, für die 10 oder 12 Insassen kein Grund zur Beunruhigung. Einsitzermopeds, auf denen eine komplette Familie mit 3 Kindern Platz hat, knattern im Tiefflug durch das Chaos und Fahrradfahrer, die absolut unterste Kaste in der Hirarchie der Verkehrsteilnehmer, schießen ohne zu zögern aufs Feld oder zwischen Gemüsehändler, wenns hinter ihnen hupt. Das wichtigste Teil an jedem Fahrzeug ist die Hupe, man hat den Eindruck, der Schalter dient nur zum kurzzeitigen Ausschalten. Führerscheine kann man für relativ wenig Geld kaufen, die Verkehrsregeln zu kennen ist ohnehin überflüssig, Es gibt welche, aber bei deren Einhaltung würde hier wahrscheinlich alles zusammenbrechen. In diesem Chaos passieren trotzdem unglaublich wenige Unfälle, alle scheinen doch noch etwas nachgeben zu können. Mit unserer deutschen Einstellung, Recht-haben-und-auch-darauf-bestehen, bekommt man hier sehr schnell die Gelegenheit, es im nächsten Leben noch einmal zu versuchen.
Die Wochen in Gujarat waren sehr schön, dieser Bundesstaat ist touristisch noch wenig erschlossen. Das macht zwar alles etwas mühsamer, aber eben auch interessanter. Ich bin wieder viel mit LKWs getrampt, es ist viel gemütlicher als mit den lebensmüden Busfahrern. Am liebsten wäre ich dennoch wieder mit dem Fahrrad unterwegs, auch nach den nicht nur guten Erfahrungen beim letzten Mal. Man hat doch viel mehr Feiheit, anzuhalten, wo es gerade schön ist und nicht von Bussen und LKWs abhängig zu sein. Gerade im Norden Gujarats, in Kutch, wäre es sehr schön gewesen. Es gibt sehr viele kleine Dörfer in dieser kargen Gegend, in denen Volksstämme mit ganz unterschiedlicher Herkunft leben. Bei diesen Menschen haben sich noch viele der alten Bräuche erhalten, Dinge, die man in den sich wirtschaftlich schneller entwickelnden Gegenden schon suchen muß. Neben der Landwirtschaft leben sie mehr und mehr auch von der Vermarktung ihrer handwerklichen Fähigkeiten, die Frauen fertigen unglaublich schöne Stickereien an. Jeder der Volksstämme hat seine eigenen Techniken, sie arbeiten oft monatelang an einem Stück. Ihre traditionelle Kleidung ist sehr sehr farbenfroh, wie so oft bei Menschen, die in so kargen Gegenden leben. Manche der Frauen sind mit kiloweise Silberschmuck behängt. Ich hätte gerne etwas mehr fotografiert, aber viele mochten das nicht so sehr. Es ist ja auch eher schade für Euch, daß ich Euch nur wenige Dias davon zeigen kann. Da müßt Ihr eben selbst mal hinfahren….
