INDIEN, Mitte März 2007

Liebe Leute,
auch auf die Gefahr hin, dass ich Euch auf die Nerven gehe, ich muß noch mal was loswerden. Wenn ich das hier in 2 oder 3 Wochen schreibe, ist alles schon wieder zu blaß. Ich bin gerade in Vrindaban, dem Ort, in dem Krishna seine Kindheit verbrachte. Shashank, ein indischer Freund, hatte mich eingeladen, das Holi-Fest hier zu feiern. Es ist ja immer so eine Sache, wie ernst man die Locals hier in Indien nehmen sollte, wenn sie allzu enthusiastisch über ihren Heimatort berichten. Da dieses Fest aber direkt mit der Krishna-Legende verknüpft ist und Vrindaban eines der Hauptpilgerzentren für Krishna-Anhänger ist, dachte ich mir, so falsch kann er ja vielleicht doch nicht liegen und bin hergefahren. Es ist mir etwas schwergefallen, Khajuraho so früh schon wieder zu verlassen, die allabendlichen Tänze waren doch zu schön. Dieses Land hat eine so reiche Kultur, hoffentlich bleibt wenigstens etwas davon bei der immer schneller werdenden Verwestlichung erhalten.
Es gibt einige verschiedene Versionen der Holi-Geschichte. Eine davon ist die, dass die Dämonin Holika auf Wunsch ihres Bruders Hiranya Kashyap dessen Sohn Prahlad umbringen sollte, da er an Krishna glaubte. Holika war unsterblich und nahm Prahlad mit ins Feuer, um ihn zu verbrennen. Krishna wurde zum Nationalhelden, indem er Prahlad schützte und Holika verbrennen ließ. Aus lauter Freude über den Tod der Dämonin bewarfen sich die Menschen mit Farbe. Am Haupttag des Festes werden dann überall in der Region Braj Feuer entfacht, in den Statuen von Holika verbrannt werden. Holika wird dabei aus Stroh und Prahlad aus Ton gestaltet, somit ist der richtige Ausgang der Geschichte schon mal vorprogrammiert. Gleichzeitig wird mit Holi der Winter verabschiedet und der Frühling begrüßt.
Ich bin 4 Tage vor dem Haupttag angekommen, alles macht noch einen relativ ruhigen Eindruck. Shashanks Familie (eine Brahmanenfamilie, die hier einen der wichtigsten Tempel bewirtschaftet) hatte mich schon erwartet. Sie warnten mich, daß an diesen Tagen auf nichts und niemanden Rücksicht genommen wird. Ich hatte mir aus einer stabilen Plastiktüte eine hoffentlich wasserdichte Hülle für meine Kamera gebaut, hatte aber gar keine Ahnung, wie wild das hier alles werden würde. Am nächsten Tag bin ich dann mit Marie, einer Kanadierin aus Montreal, mit der ich seit einer kleinen Weile unterwegs bin, erstmal ohne Kamera durchs Dorf geschlendert. Alles war relative ruhig, irgendwann aber kamen uns imer mehr völlig nasse und über und über mit Farbe beschmierte Leute entgegen. Wir sind denen weiter entgegengegangen und kamen zum Bihari-Tempel, dem Tempel, in dem Holi besonders exzessiv gefeiert wird. Sofort waren wir auch klatschnaß und voller Farbe. In dem Tempel war die Hölle los, eine vom vielen geworfenen Farbpulver fast undurchsichtige Luft, Priester mit großkalibrigen Wasserspritzen schossen tonnenweise farbiges Wasser in die Menge. Weit und breit war kein anderer Tourist zu sehen und Marie hatte in kürzester Zeit so viele grabschende Hände an ihrem Hintern wie wohl noch nie zuvor in ihrem Leben. Es war wie eine bunte Hölle, wie eine explodierende Farbenfabrik. Wir sind nach kurzer Zeit wieder geflüchtet, aber es war völlig klar, dass ich das fotografieren mußte. Etwas beunruhigt wegen meiner Kamera und auch etwas wegen Maries Hintern sind wir am nächsten Tag wieder dahin gegangen. Es waren außer uns noch 2 französische Fotografen da, perfekt ausgerüstet mit Regencape, Schutzbrille und Unterwassergehäuse für die Kameras. Ich kam mir vor wie ein Frisör mit meiner Plastiktüte und meinen völlig verschlammten Klamotten. Man konnte das ganze Theater ziemlich komfortabel von einem Balkon in dem Tempel fotografieren, aber da ich nur das 50mm Objektiv mit meiner Plastiktüte verklebt hatte, wollte ich auch mal ein bisschen näher ran und hab mich ins Getümmel gestürzt. Das war keine gute Idee. Fotografieren war so gut wie unmöglich. Ich hab zwar 2 oder 3 Mal auf den Auslöser gedrückt, aber überleben hatte sofort Priorität. Nach kurzer Zeit flog mir eine Ladung Farbe ins rechte Auge und ich bin leicht panisch zum Wasserhahn gerannt. So wie man eben im knöcheltiefen Farbschlamm auf Marmorboden rennen kann, mir einem blinden, brennenden Auge, einer mit Farbpulver halbvollen Lunge und immer noch Angst um die Kamera. Die Sorge um Maries Hintern rückte in diesem Moment eher etwas in den Hintergrund. Ich hab minutenlang Wasser über mein Auge laufen lassen und mich dann wieder auf den Balkon gerettet. Der Film war auch voll, ein Filmwechsel unter diesen Umständen absolut illusorisch. Das Auge brannte höllisch und ich fühlte mich, als ob ich durch eine gelbe Milchglasscheibe blickte. Ich war so hin und hergerissen zwischen sofort zum Augenarzt gehen und der Faszination dieses Tempels. Nach nochmaligem Spülen und der Vermutung, daß ja in Vrindaban gar kein Augenarzt sein wird, hat der Tempel gewonnen und ich hab noch die völlig abgefahrene Geräuschkulisse aufgenommen. Mit dem einen, noch funktionierenden Auge immer auf der Suche nach in meine Richtung fliegenden Wasser oder Farbpulver. Mittags war dann ziemlich abrupt Schluss, in und vor dem Tempel sah es aus wie im Krieg.
Der nächste Tag war der Haupttag, wir sind zu dritt mit dem Moped zu einem Dorf gefahren, in dem ein Priester durch ein ca. 10 m breites Feuer rennen sollte. Der Weg dahin war eine einzige Farbschlacht, die Busdächer voller Leute, die säckeweise Farbpulver herumschleuderten. Dorfdurchfahrten waren wie Spiessrutenlaufen, Kinder schmissen mit Kuhscheisse, aber das war dann auch schon egal. Wir sahen aus wie bunte Schweine. Das Feuer in dem Dorf war schon errichtet, ein Riesenhaufen Reisig und trockener Kuhdung. Trommler heizten die Leute an und es floß reichlich Alkohol. Ich hab mich auf ein Dach in der Nähe des Feuers durchgekämpft, ich wollte den Priester im Feuer fotografieren. Alle Dächer ringsum und der grosse Platz mit dem Reisighaufen waren brechend voller Leute. Wieder Farbpulver ohne Ende, bis das Feuer angezündet wurde. In Sekundenschnelle brannte das Reisig lichterloh, unten prügelten Männer mit Stöcken die tanzenden, durchgedrehten und teilweise betrunkenen Männer vom Feuer weg. Ich saß ganz vorne an der Dachkante und hatte schon Krämpfe in den Beinen vom festklammern an der kleinen Mauer. Von hinten drängten die anderen Menschen auf dem Dach. Der Wind drückte die vielleicht 10 m hohen Flammen in Richtung Dach, es wurde sofort unerträglich heiß. Der beste Platz wurde zum schlechtesten, aber ich konnte nicht weg. Das Feuer war so hoch, dass ich noch das Objektiv wechseln musste, es ging nur mit dem Weitwinkel zu fotografieren. Als die Flammen dann etwas niedriger wurden hab ich das 50 mm Objektiv wieder drangemacht um bessere Aufnahmen von dem Priester machen zu können. In in dieser Zeit, als ich in meinem Rucksack rumgewühlt habe, ist der Priester durchgerannt, ohne das ich ihn auch nur gesehen hätte. Für einen Moment war ich etwas enttäuscht aber am Ende spielte es doch keine so große Rolle. Die Atmosphäre war auch ohne das Foto gigantisch. Wir sind dann bald losgefahren, sehr viele Schnapsflaschen machten die Runde und es ist immer schwer einzuschätzen, wie sich so eine alkoholschwangere Stimmung entwickelt. Auf der Rückfahrt brannten noch überall die Feuer, in denen eine Holika-Statue verbrannt wurde.

Damit ist Holi eigentlich zu Ende, aber hier in Vrindaban gings erst richtig los. Der Vormittag des Tages nach Holi ist der Tag der absoluten Gesetzlosigkeit, keine Regeln, keine Hemmungen, keine sozialen Barrieren mehr. Dafür tonnenweise Farbe, mehr Wasser als an einem Monsunregentag und hektoliterweise Whiskey. Trommler zogen durch die Straßen, es wurde wild getanzt und gefeiert als würde am nächsten Tag die Welt untergehen. Es war fast keine Frau auf der Straße zu sehen und dies nicht ohne Grund. Sie wäre zertanzt worden und hätte permanent mindestens 20 Hände an ihrem Körper rumfummeln gehabt. Ich hab versucht, ein paar Fotos zu machen, aber es war fast unmöglich. Aus jeder Richtung kam eimerweise gefärbtes Wasser. Die französischen Fotografen waren mit Polizeischutz und Bodyguards unterwegs. Für mich nicht so interessant, aber an diesem Tag wohl die einzigste Möglichkeit, ein paar brauchbare Bilder zu bekommen. Völlig unbegreiflich war, dass, wie angekündigt, wirklich pünktlich 12 Uhr alles zu Ende war. Alle gingen nach Hause oder zur Yamuna, um sich zu waschen. Die Wasserversorgung Vrindavans brach nach einer Stunde zusammen, in den Abwaessergräben floss blutrotes Wasser in Richtung Yamuna. Der Alkohol war in allen Läden ausverkauft. Nach und nach trauten sich auch die Kühe wieder auf die Strasse und es war eine Ruhe in den farbverschlammten Strassen wie bei uns zu Heiligabend. Aber nicht allzulange, am Abend war alles schon wieder ganz normaler Alltag, als wäre nie etwas gewesen.
2 Tage später, die französischen Fotografen waren sicher schon wieder in Paris oder zu einer Generalüberholung in einem ayurvedischen Wellnessresort in Kerala, gab es in Vrindavan noch eine andere, auf nur einen Straßenzug begrenzte Veranstaltung. Der Legende nach kam Krishna einst mit seinen Freunden in das Dorf Barsana, dem Heimatdorf seiner Geliebten Radha, um dort Holi zu feiern. Die Frauen dort aber waren nicht so scharf darauf mit Farbe vollgemanscht zu warden und prügelten die Knaben wieder aus dem Dorf. Daraufhin gingen die Männer aus Barsana am nächsten Tag nach Nandgaon, dem Dorf Krishnas und wurden dort natürlich auch wieder weggeprügelt. Dies hat sich zur Tradition entwickelt und die Frauen haben mal einen Tag lang Gelegenheit, sich an ihren Männern für alle Ungerechtigkeiten des vergangenen Jahres zu rächen. Sie bewaffnen sich mit Bambusstöcken und prügeln die Männer durch die Straßen. Es ging ganz schön zur Sache. Ich war der einzige Nichtinder und mir war überhaupt nicht klar, wofür sich die Frauen an mir rächen wollten. Für jedes Foto, welches ich gemacht habe, hab ich bestimmt 10 Schläge einstecken müssen. Und ich hab mehr als nur einen einen Film belichtet. Als es zu toll wurde, hab ich mich in einen Schneiderladen geflüchtet, welcher dann von 3 Frauen gestürmt wurde. Nachdem wir sie endlich wieder draussen hatten, fragten mich die Schneider ganz höflich, ob ich denn nicht lieber woanders hingehen will. Es war ein Riesenspaß, aber mir tat alles weh.
Ich würde mich jetzt gerne mal für ein paar Tage irgendwo am Meer in den Sand legen und gar nichts tun, aber der nächste Strand ist 1500 km entfernt..