INDIEN, Mitte April 2007
Liebe Leute,
seit Holi ist ja schon wieder eine kleine Weile vergangen. Mein Auge, welches die Ladung Farbe abbekommen hat, ist immer noch nicht wieder richtig klar. Der gelbe Schleier ist zwar weg, aber aber so ganz scharf sehen kann ich noch nicht wieder. Wenn das so bleibt, bin ich mir nicht so ganz klar darüber, ob es das wert war. Andererseits, wer weiß, was vielleicht woanders passiert wäre, wenn ich zu der Zeit nicht im Tempel gewesen wäre. Das ganze Farbpulver in meiner Lunge ist mit Sicherheit noch nicht wieder draußen, dafür war es einfach zuviel. Aber egal, Holi in Vrindaban war das absolut wildeste Fest, welches ich je in Indien erlebt habe. Danach bin ich wieder zurück nach Rajasthan gefahren, um unter anderem auch an Orte zu gehen, in denen ich vor 10 bzw. 15 Jahren schon mal war. Rajasthan ist seit langer Zeit touristisch sehr erschlossen, was Angenehmes, aber auch weniger Angenehmes mit sich bringt. Vieles verändert sich rasend schnell in Indien, Jodhpur z.B. hat heute doppelt so viele Einwohner. Ich hatte die Stadt als ganz gemütlich in Erinnerung, mit vielen kleinen Gassen zwischen den blau angemalten Häusern. Schön zum rumschlendern und absolut ergiebig zum fotografieren. Heute ist die gesamte Altstadt zwischen 7:00 und 22:00 ein einziges Hupkonzert und stinkendes Geknatter tausender Mopeds, unmöglich, sich mal irgendwo an den Rand zu setzen und auf ein Foto zu warten. Auch von oben sieht es nicht mehr ganz so schön aus, in vielen Häusern sind neue Etagen dazugekommen, die aber nicht mehr blau angemalt wurden.
In Jaipur, der Stadt mit dem schlechtesten Ruf überhaupt, war ich einerseits überascht, andererseits aber auch enttäuscht. Enttäuscht, weil ich gekommen war, um ein paar Fotos von der überall als rosarote Stadt angepriesenen Stadt zu machen, aber feststellen mußte, das sich die rosa Farbe nur auf ein paar Fassaden entlang der Hauptgeschäftsstraßen beschränkt. Der Rest ist grau in grau. Überrascht, weil alle Schlepper und Verkäufer offensichtlich zu einer Schulung für gutes Benehmen geschickt worden waren. Sie waren ausgesprochen höflich, Excuuuuuse me, sir, would you like to have a look into my shop? und blieben sogar freundlich, wenn mir grad nicht so war. Ich war vor 15 Jahren schon mal da und hatte recht unangenehme Erinnerungen an diese Geschäftsleute. Sie wurden zum Teil richtig aggressiv, wenn man sich ihren Einladungen zu entziehen versuchte. Aber wahrscheinlich haben sie irgendwann mal festgestellt, dass sie mit ihrer Penetranz nicht mal mehr die miniberockten Neckermann-Reisegruppen-Muttis in ihre düsteren Shops zerren konnten und haben sich ein neues Konzept überlegen müssen. Schon interessant, was der Tourismus hier in Rajasthan so für Blüten treibt. Bei den Hauptattraktionen für die Gruppenreisen tauchen die lustigsten Gestalten auf. Schön geschmückte Rajasthani-Frauen, die für viel Geld billigsten Tand als antiken Schmuck verkaufen, ihre Männer fiedeln derweilen ziemlich emotionslos originale Volksmusik auf der Ravanhattha herunter. Absolut jedes Kind kann, bevor noch das erste Mal Mama oder Papa über die Lippen gekommen wäre, akzent-und fehlerfrei die Sätze give me pen und give me 10 rupies sprechen. In anderen Gegenden wird noch ganz bescheiden nach 1 Rupie gefragt. Als Sadhu verkleidete alte Männer, ebenso heilig wie das Stück Apfelkuchen in der German Bakery, vor der sie ihren täglichen Auftritt haben, beschränken sich in ihrem Vokabular auf das simple, aber wirkungsvolle Sadhu! Bakschisch! und lassen sich für ein mieses Portrait in der Mittagssonne gleich mal 100 bis 200 Rupies rüberreichen. Das durchschnittliche Tageseinkommen einer indischen Familie beträgt ca. 120 Rupies. Aber ich kann es den Leuten auch gar nicht verübeln, ich weiß nicht, was ich mir aussuchen würde, wenn ich die Wahl zwischen 14 Stunden auf dem Feld ackern oder einer freiberuflichen Tätigkeit als Fotomodel im Tourismusgeschäft hätte.
In Pushkar, einem der heiligen Orte Indiens, hat sich eine ganz eigene Atmosphäre entwickelt. Dort steht der einzige Brahma-Tempel des Subkontinents und das grüne, brackige Wasser des Sees in der Mitte des Ortes ist offensichtlich immer noch in der Lage, Sünden abzuwaschen. Pilgergruppen aus entlegenen Gebieten Rajasthans werden, wie schon seit eh und je, von korrupten und geldgeilen Priestern zur Pooja getrieben, geben ihr ganzes gespartes Geld fürs Seelenheil her und stehen dann etwas ratlos vor den vielen Klamotten- und Schmuckshops oder den schillernden Botschaftern unserer westlichen Kultur. Denen wirds im März selbst im Schatten der Palmen Goas zu heiss. Sie verlagern ihre Fullmoon-Parties über den Sommer nach Manali, wo das Gras schon am Wegesrand gedeiht, aus und machen auf halbem Wege ein kleines spirituelles Päuschen hier. Im Oktober dann das gleiche Schauspiel noch mal, wenns im hochgelegenen Manali langsam kalt wird und die klammen Finger den Shilom nicht mehr halten können, ziehen alle wieder zurück ins warme Goa. Trotz alledem, es ist immer noch ein angenehmer Ort, wenn man sich mal ein paar Tage von der Hektik indischer Städte zurückziehen will.
Ganz im Westen Rajasthans, in Jaisalmer, wird man von den Schleppern fast zerrissen, wenn man aus dem Bus aussteigt. Jeder will die wenigen Touristen, die den langen Weg dorthin auf sich nehmen, in seine Rikscha schieben und später im Hotel seine Provision kassieren. Mit mir klappt sowas ja gar nicht, da ich fast keine Rikschas benutze und meist laufe, aber dort hatte ich ganz schön zu tun, überhaupt erstmal davonzukommen. Dafür hab ichs aufgenommen, es ist köstlich! Diese kleine Stadt in der Wüste Thar mt einem wunderschönen alten Fort auf einem Hügel in der flachen Einöde hat mittlerweile schon ganz schön mit den Folgen des Tourismus zu kämpfen. Als ich 1997 dort war, gab es ca. 40 Hotels, mittlerweile sind es um die 400. 100 davon im Bereich des Forts, welches nun so langsam unter dem Gewicht des vielen Wassers, welches für die Hotels hochgepumpt wird, buchstäblich im Boden versinkt und beginnt, auseinander zu brechen. Die Abwässer versickern im Boden und schwemmen so langsam den Hügel unter dem Fort weg. Die einzige Möglichkeit, das Fort zu erhalten, wäre, alle Hotels da oben zu schliessen. Sicher nicht so einfach….
In den letzten Tagen war ich in Bikaner, einer von Touristen nicht so oft besuchten Stadt im Norden Rajasthans, mit einem interessanten Palast, einer lebendigen Altstadt mit viele Handwerkern und einem ungewöhnlichen Tempel in der Nähe. Im Karni Mata Tempel in Deshnok leben tausende Ratten wie im Paradies, werden von den Pilgern gefüttert und man glaubt an eine lange Glückssträhne, wenn einem eine der Ratten über die Füsse rennt. Die Menschen glauben, daß in diesen Ratten die Seelen von verstorbenen Weisen und Sadhus bis zu deren nächster Wiedergeburt leben. Großen Ärger gibt es, wenn man auf eine drauftritt. Die Hoffnung, dass dies unentdeckt bleiben könnte, kann man getrost vergessen. Dafür quietscht es bestimmt viel zu laut. Zur Sühne dieser Untat muß man eine Ratte aus Gold der Göttin darbringen. Die Pilger bringen leckerste Gerichte, sogar Whiskey und Rum. In mir kam so der Verdacht hoch, daß die Priester den Glauben, Ratten mögen Whiskey, in eigenem Interesse in die Welt gesetzt haben und jeden Tag nach Feierabend gewaltig einen draufmachen im Kämmerchen hinter dem Schrein…. Ich war ja vor Jahren schon mal dort, aber es war wieder schaurig-eklig faszinierend. Ich hab wunderschöne Portraitaufnahmen von einigen Ratten gemacht und nicht eine hat nach 100 Rupies gefragt. Ihr seht, auch in Rajasthan gibts noch Leute, denen das Materielle bissl hinter runter geht. Aber man muss schon suchen…
So im Großen und Ganzen reichts mir jetzt ein wenig im Vorzeige-Bundesstaat. Mir gefällts im richtigen Indien besser. In der letzten Zeit waren auch schon 40 Grad im (wenig vorhandenen) Schatten und in dieser Hitze macht es noch weniger Spaß, sich die Horden nach Rupies und Kugelschreiber fragenden Kids vom Leibe zu halten. Und es wird nur noch wärmer. Ich mach mich jetzt auch so langsam auf dem Weg nach Norden. Nicht nach Manali, ich möchte noch mal in den Gharwhal-Himal zu den Gangesquellen. Einige der Sadhus, mit denen ich in Varanasi gesprochen habe, sind auch auf dem Weg dahin. Vielleicht treffe ich ja den Einen oder den Anderen.
