INDIEN, Mitte Juni 2007

Liebe Leute,
ich bin gerade an der letzten Station meiner Pilgerreise zu den Ganges- und Yamunaquellen im Garwhal-Himal. Jedes Jahr, Ende April, Anfang Mai, wenn die Tempel da oben wieder geöffnet werden, setzt sich eine wahre Flut von Pilgern in Bewegung, um im heiligen Wasser den Dreck vom letzten Jahr von der Seele zu waschen. Die gesamte Pilgertour heist Dschaar Dham und ist eine der wichtigsten in ganz Indien. Früher wurde mal alles gelaufen, heute führen Straßen zum Teil bis zum Tempel, die wiederum für diesen Ansturm von Bussen, Jeeps und PKWs gar nicht ausgelegt sind. Bevor ich aufgebrochen bin, war ich noch eine Weile in Haridwar und Rishikesh. Haridwar kannte ich nur von der Kumbha Mela 1998, mit vielen Millionen Gläubigen in dieser kleinen Stadt. Diesmal war es eher ruhig und entspannt. Für viele Pilger auf dem Weg nach Norden ist Haridwar der erste wichtige Stop, die Pooja am Har Ki Pauri-Ghat hat eine grosse Bedeutung. Rishikesh dagegen, nur 25 km nördlich von Haridwar, scheint zu schlafen. Es ist immer noch eins der wichtigsten spirituellen Zentren Indiens, aber in den letzten Jahren, spätestens seit die Beatles hier ihre Mantren gelernt haben, hat sich die Spiritualität sehr zum Geschäft entwickelt. Es gibt unzählige Yogaschulen, Meditationskurse, ayurvedische Kliniken und es ist schwierig herauszufinden, wo man wirklich gut aufgehoben ist. Erleuchtung wird im Chrash-Kurs versprochen, ist natürlich etwas teurer, wenns so schnell gehen soll. Die Umgebung ist sehr schön, die Hügel ringsum sind die ersten Ausläufer der Himalaya-Vorgebirge und auch der Ganges ist noch angenehm sauber zum schwimmen. Die German Bakery mit Filterkaffee und Schokoladenkuchen hebt den Ort zwar nicht gerade auf ein höheres spirituelles Niveau, ist aber auch mal wieder ne angenehme Abwechslung nach all dem immer zu dünnen Nescafe an den indischen Tee-Ständen.Und wer weiß, wenns mal wieder so was Leckeres gibt, an den Gangesquellen sicher (und hoffentlich) nicht.
Die erste Station meiner Pilgertour war Kedarnath. Ca. 200 km nordöstlich von Rishikesh traumhaft schön in einem Hochtal auf 3.600 m gelegen, wird der einige 100 Jahre alte Tempel nur vom 6.970 m hohen Kedarnath und vom 5.970 m hohen Mahalya Parbat überragt. Als ich vor 9 Jahren schon mal hier war, war das ein phantastisches Motiv, heute steht direkt hinter dem Tempel ein knallig rot-weißer Mobilfunkmast. Die kleine Stadt da oben ist um das 4-fache gewachsen, Hotel steht neben Hotel, das Pilgergeschäft boomt. Und das Ganze wird wahrscheinlich noch mehr wachsen, wenn erst die Straße fertig ist, die im Nachbartal gebaut wird und nur noch auf die Fertigstellung eines riesigen Tunnels wartet. Jetzt muß der fromme Pilger noch von Gaurikund auf 2.000 m die restlichen 14 km laufen. Oder sich für viel Geld von einigen der 10.000 Nepalis, die über den Sommer hier arbeiten, hochtragen lassen. Für die indischen Mittel- und Oberklasse-Pilger, die mittlerweile auch viel Geld, aber keine Zeit mehr haben, gibt es seit kurzem einen Helicopter-Service, der die Anreise auf 20 min verkürzt. Teure, aber sehr wirtschaftliche Seelenwäsche. Ich bin mit dem normalen Volk gelaufen, viele waren unterwegs, um bei der Eröffnung dabei zu sein. Die Götterstatue überwintert in Ukhimath im Tal und wird in einer 3-tägigen Prozession zum Tempel getragen. Ich bin immer wieder zutiefst beeindruckt von den Menschen, die sich den langen Weg hier hoch schinden. 60-, 70-jährige aus dem gesamten Subkontinent, die zum Teil noch nie in ihrem Leben Temperaturen unter 25 Grad erlebt haben, stehen barfuß und dürftig in Decken eingewickelt, völlig erschöpft plötzlich bei 0 Grad im Schneeregen. Und es ist immer wieder der gleiche Gesichtsausdruck, den ich schon so oft an ähnlichen Orten gesehen habe. Tiefes Glücksgefühl, alle Unannehmlichkeiten scheinen gar nicht mehr wahrgenommen zu werden. Am 30.4. um 5:00 Uhr wurde der Tempel geöffnet, die Menschen standen schon seit 2:00 Uhr nachts in der eisigen Kälte. Barfuß, zitternd. Als ich mich 4:30 Uhr aus dem halbwarmen Schlafsack gequält habe, war die Schlange schon einen halben Kilometer lang. Der Tempel ist einer der 12, über ganz Indien verteilten Jhoti-Lingams, in denen natürliche Lingams angebetet werden. Der Sage nach hat sich Shiva hier auf der Flucht vor den Pandavas in einen Stier verwandelt und in der Erde eingegraben. Die Pandavas haben ihn aber noch am Schwanz zu fassen gekriegt und haben ihm buchstäblich den Hintern abgerissen. So ist es also Shivas Allerwertester, der hier im Tempel mit Blüten und Rosenwasser angehimmelt wird. Ich wollte noch einen alten Sadhu besuchen, den ich das letzte Mal fotografiert habe und ihm das Foto bringen, aber ich war zu spät. Er war schon im Nirwana oder im nächsten Leben. Das ist mir in den letzten Monaten schon einige Male passiert.
Nach ein paar Tagen da oben bin ich, meist per Anhalter, nach Gangotri gefahren. Die Straßen hier im Garwhal-Himal sind grauselig, sehr schmal, oft nur Schotter, es geht nur auf und ab, auf der einen Seite gehts mehrere hundert Meter in die Tiefe, auf der anderen senkrecht nach oben. Die Straßen wurden aus den Steilhängen herausgesprengt, überall hängen noch hausgroße Felsbrocken oben drüber. Immer wieder Felsstürze, die Straße bricht herunter, die Busse sind überladen, Reifen haben kein Profil und es riecht besorgniserregend nach verbrannten Brems- und Kupplungsbelägen. Ab und zu liegt ein Wrack unten im Wasser, diese Abstürze überlebt niemand. Wenn sich auf der einspurigen Strasse 2 Busse begegnen, schrammen sie mit Millimeterabstand aneinander vorbei, eigentlich geht es gar nicht. Die indischen Busfahrer sind auf meiner Fahrradreise vor ein paar Jahren alles andere als meine Freunde geworden, vor denen hier im Gebirge aber ziehe ich respektvoll den Hut. Gangotri liegt auf 3.150 m, der Tempel ist nur 500 m von der Bushaltestelle entfernt. Die Entbehrungen hier halten sich also in Grenzen, dementsprechend viele Pilger sind auch hier. Aber nur wenige von ihnen gehen den 18 km langen Weg nach Gaumukh, dem eigentlich wichtigsten Ort hier in diesem Tal. In Gaumukh, dem auf 4000 m Höhe gelegenen Abbruch des Baghirati-Gletschers, entspringt der Baghirati-Fluss, der erst 250 km weiter talwärts in Devprayag nach dem Zusammenfluss mit dem Alakananda zum heiligsten Fluss Indiens, dem Ganges, wird. Ich hatte so ein bißchen die Hoffnung, vielleicht einen interessanten Sadhu zu treffen und mit ihm nach Gaumukh zu gehen. Es waren zwar genügend da, die wie Sadhus aussahen, deren Aktivitäten sich aber darauf beschränkten, entweder den ganzen Tag mit aufgehaltener Hand an der Straße zum Tempel zu sitzen oder aber den ganzen Tag mit aufgehaltener Hand auf der Straße zum Tempel den Pilgern hinterherzulaufen. Wenig beeindruckend. Ich hab dann aber doch noch einen netten Mouni-Baba (einer, der für 12 Jahre nicht spricht) getroffen, aber als es losgehen sollte, hat er gekniffen, weils da oben zu kalt sei. Ich bin dann alleine los, der Weg geht am Baghirati entlang und endet am Abbruch des Gletschers. Von Jahr zu Jahr muß der Pilger weiter laufen, der Gletscher nimmt jährlich beängstigend an Länge und Dicke ab. Irgendwann, wenn die globale Erwärmung so weitergeht, wird er nicht mehr da sein, aber bis dahin gibts die Karma-Wäsche mit Sicherheit schon online, gemütlich vom Sofa aus, mit dem Laptop auf den Knien. Zahlung ebenfalls ganz bequem online, der Reinheitsgrad der Seele wird sich an der Höhe der eingegangenen Zahlung orientieren. Noch aber heißt es baden, da führt kein Weg dran vorbei. Die Pilger gießen sich das eiskalte Wasser, welches aus dem vielleicht 20 m hohen Gletscherabbruch herausgesprudelt kommt, über Kopf und Körper, das Zähneklappern ist lauter als das Rauschen des Wassers. Viele versuchen so nahe wie möglich am Gletscher zu baden, jedes Jahr kommen einige Pilger durch herabstürzende Eisblöcke ums Leben. Ich hab mir das Bad diesmal erspart, zum einen war ich ziemlich erkältet und mir wars einfach zu kalt und zum anderen war ich noch etwas enttäuscht vom letzten Mal, als ich im Schnee zur Quelle gestapft bin, mich todesmutig in Erwartung der Reinwaschung von allen bis dahin begangenen Sünden ins 1 Grad kalte Wasser gestürzt habe und später feststellen mußte, dass doch nicht alle Flecken rausgegangen waren. So hat sich mein Reinigungsritual diesmal auf Füße und Gesicht beschränkt und ich bin weitergelaufen nach Tapovan. Da oben auf 4.400 m lebt seit Jahren ein Sadhu in einer Höhle. Er ist das ganze Jahr über dort, im Winter manchmal unter 7 m Schnee begraben. Er stammt aus der Panda-Kaste, der Brahmanen-Kaste, die die Tempel bewirtschaftet und wurde von seinem Vater im Alter von 3 Jahren dazu bestimmt, Sadhu zu werden. Seitdem macht er nichts anderes als Yoga und Meditation. Sagt er. Ein paar seiner Verhaltensweisen wären bei uns bestimmt schon pathologisch, aber das hat ja nicht viel zu sagen. Viele unserer Verhaltensweisen hätten hier ebenso Krankheitswert, solche Dinge sind ja meist doch eher eine Frage des Standpunktes. Ich fand, für seine Lebensumstände war er noch ziemlich gut drauf. Nach einer kalten Nacht in seiner etwas muffigen Höhle gab es dann am anderen Morgen ein traumhaftes Panorama. Direkt hinter der Höhle ragt der Shivling mit 6.340 m in den Himmel und auf der anderen Seite des Gletschers funkelten die 3 Gipfel des 6.340 m hohen Bhaghirati in der Morgensonne. Leider nicht allzulange, dann zog wieder alles zu und ich bin lieber wieder losgelaufen, um nicht im dichten Nebel durch den Gletscherbruch irren zu müssen.
Die nächste Station meiner Pilgerreise war Yamunotri. Dieser Ort wird als die Quelle des Flusses Yamuna angegeben, der zwar auch in den Ganges fließt, aber erst nach ca. 1.500 km in Allahabad. Die Wege über die Gebirgszüge zwischen den einzelnen Quellen sind leider so früh im Jahr wegen zu viel Schnee noch nicht begehbar, also immer mit dem Bus außenrum. Für 150 km kann man einen ganzen Tag einplanen und am Ende des Tages gibt es nichts, was nicht wehtut. Die Busse sind vollgestopft mit Menschen, Gepäck und Ziegen, es ist einfach kein Platz, mal die Beine langzumachen. Die ersten 9 km nach dem Ende der Straße kann der Pilger noch mit dem Jeep auf einem steinigen, holperigen Weg fahren. Ich war erstaunt, als ich feststellte, dass ich der einzige aus dem Bus war, der lief. Sogar die Herren Sadhus machten es sich lieber einfach. Wenns dann mit dem Jeep nicht mehr weitergeht, warten Pferde und Träger auf den durchgeschüttelten und gebeutelten Pilger, der nun für die letzten 5 km vom Jeep auf den Pferderücken umgebettet wird. Die armen kleinen Pferdchen verdrehen die Augen, wenn die mittelständischen Großstadt-Muttis, für die das Körpergewicht die einzige Ausdrucksform für Wohlstand und Wohlbefinden zu sein scheint, ihre dicken Hintern auf sie hieven. Täglich werden 5-10.000 Pilger hochgeschleppt. Meine Aufmerksamkeit hat sich mehr darauf gerichtet, nicht ständig in Pferdescheiße zu treten, als das ich die schöne Landschaft geniessen konnte. Oben im Tempel das übliche Spiel, gelangweilte Priester lassen sich für ihre Dienste gut bezahlen, da ist nicht viel von Heiligkeit zu spüren. Der fromme Pilger ist natürlich froh darüber, er ist ja gekommen, um für seine Karmawäsche zu bezahlen. Ihr merkt schon, in Yamunotri hat mir die Atmosphäre nicht so besonders gefallen, ich hab mich dann auch nicht so lange aufgehalten wie in Kedarnath und Gangotri und bin weitergefahren zum letzten Ort der Dschaar Dham, nach Badrinath.
Auf dem Weg nach Badrinath, das ganz im Nordosten des Garwhal, nur 60 km südlich der tibetischen Grenze liegt, hab ich noch einen kleinen Abstecher nach Tungnath gemacht. Der Tempel in Tungnath auf 3.700 m ist der am höchsten gelegene hier in der Gegend, in ihm werden die Arme und Teile der Brust Shivas verehrt. Oberhalb des Tempels, in Chandrasila auf 4.100 m hat man eine phantastische Rundumsicht über das gesamte Kumaeon- und Garwhal-Gebirge. Der Sonnenaufgang, wenn nur die Spitzen der 7.000-er von der Sonne angestrahlt werden, war einer der eindrucksvollsten, die ich je gesehen habe.
Badrinath auf 3.100 m ist nur nach dem üblichen Chaos auf den schmalen Strassen die Täler hinauf zu erreichen. Hier ist das Chaos gerade besonders groß, im Moment ist wegen der Schulferien Hochsaison, täglich kommen ca. 20.000 – 25.000 Pilger hier an. Wer einen netten kleinen Pilgerort ganz hinten im Tal erwartet, wird herb enttäuscht. Es ist eine mittelgroße Stadt, die hauptsächlich aus Hotels, Restaurants und allen möglichen Läden besteht. Die vielen Menschen wollen ja alle mindestens eine Nacht untergebracht werden. Die Zimmerpreise sind utopisch, es gibt zentralgeheizte Luxushotels, in denen eine Nacht 9.000 Rupies kostet. Davon lebt eine Familie in den Slums von Bombay sicher ein Jahr lang. Und diese Hotels sind voll! Vor dem Badrinarayan-Tempel, der außergewöhnlich farbig angestrichen ist und wahrscheinlich vor langer Zeit mal ein buddhistischer Tempel war, wieder kilometerlange Schlangen anstehender Pilger. Alle bunt durcheinander, der Bauer aus Gujarat neben dem Geschäftsmann aus Dehli. Und immer wieder die gleichen Rituale, gelangweilte dekadente Priester brabbeln geistesabwesend ihre Mantren. Das Einzige, was sie aus ihrem Stumpfsinn zu reißen scheint, ist der knackige Hintern der Studentin aus Bombay, die in engen Jeans und Stöckelschuhen frierend vorüberstakst. Der Tempel hier erwirtschaftet astronomische Summen. Ich bin immer noch fasziniert, wenn ich in die Gesichter mancher Pilger schaue. Hauptsächlich in die der alten Menschen, für die sich ein Lebenstraum erfüllt, wenn sie diese Yatra zu den 4 Quellen gemacht haben. Nun können sie beruhigt zurück nach Hause fahren, eine wichtige Station im Leben ist erreicht. Die Seele ist noch mal gründlich gewaschen worden, das Lebensende kann kommen. Der Tod hat hier ohnehin eine ganz andere Bedeutung als in unserer abendländischen Kultur, ein beendetes Leben ist auch gleichzeitig wieder der Anfang eines neuen. Die Seele schlüpft nur in einen neuen Körper. Sterben ist nicht mit diesem furchtbaren Schrecken behaftet wie bei uns. Es geht hauptsächlich darum, sein Karma möglichst rein zu halten (oder eben für viel Geld wieder reinwaschen zu lassen), um im nächsten Leben in eine bessere Lebenssituation hineingeboren zu werden. Bis man dann irgendwann mal, nach hunderten oder tausenden Leben durch außergewöhnlich gutes Karma aus diesem Zyklus befreit wird. Was mich weniger beeindruckt, ist das Geschäft, welches mit dieser Gläubigkeit gemacht wird. Es ist eine gewaltige Industrie, die diese ganze Pilgerei bedient. Reiseagenturen, Bus- und Taxiunternehmen, Träger, Hotels, Restaurants bis zu Läden, die dem Pilger von der dicken Mütze über Räucherstäbchen bis zum Toilettenpapier alles mögliche verkaufen. Ganz vorne dran die Priester, denen außer dem Geld der Pilger nichts mehr heilig zu sein scheint. Das ganze Theater wirkt eher abstoßend auf mich und mir tut der arme Bauer aus Gujarat leid, so wie er hier durch die Mangel gedreht wird. Er wird es aber gar nicht wahrnehmen, er ist ja glücklich, hierzusein. Ich laufe lieber mal ein Seitental hinauf und sitze eine Weile mit einem Sadhu herum, der die ganze Szenerie unten im Tal nur müde belächelt. Im Ganzen aber waren die letzten 5 Wochen an den heiligen Plätzen im Garwhal-Himal eine sehr schöne Zeit für mich. Es bröckelt zwar immer wieder ein bißchen was von der Fassade ab, aber gleichzeitig gibts viel Neues zu erfahren und zu sehen. Mein Bild von Indien wandelt sich ständig. Aber da sich auch Indien ständig wandelt, wird es wohl immer unvollständig bleiben, egal, wie oft ich noch hierherkommen werde.
Leider ist mir in Badrinath meine Kamera kaputt gegangen. Sie hat mich noch ein paar wenige Fotos vom Tempel machen lassen und hat dann nach ca. 3.500 Fotos in den letzten 5 Monaten ihre Arbeit eingestellt. Sie hätte ruhig noch 2 oder 3 Tage durchhalten können, es ist sehr fotogen hier. Mein Reparaturversuch mit dem Taschenmesser ist mißlungen und kurz danach gabs nochmal einen kleinen Hoffnungsschimmer. Ich bin etwas enttäuscht einen Tee trinken gegangen und mit einem indischen Fernsehmechaniker ins Gespräch gekommen. Er erzählte mir, dass er vor ein paar Jahren mal russische Spiegelreflexkameras repariert hat und wollte sich meine Minolta mal anschauen. Die Art und Weise, wie er das tat, hat mich in kurzer Zeit davon überzeugt, dass er vielleicht russische Panzer, aber sicher keine Kameras repariert hat. Ich hab sie ihm sofort wieder aus der Hand genommen. Die Erinnerung an den iranischen Fahrradspezialisten, der mir vor ein paar Jahren in Sekundenschnelle das Hinterrad meines Fahrrades ruiniert hat, war noch zu frisch.
Aber so schade es auch um die Fotos hier ist, ich hatte so viele Gelegenheiten, interessante und ungewöhnliche Motive zu fotografieren, dass ich die defekte Kamera jetzt so kurz vor dem Ende meiner Reise ganz gut verschmerzen kann. Und wenn ich mich daran erinnere, wieviele Menschen hier in Indien unter Umständen leben müssen, unter denen ich wahrscheinlich nicht einmal überleben könnte, bin ich im Grunde ganz glücklich, dass mein einziges Problem im Moment eine defekte Kamera ist.