INDIEN, Ende Juni 2007

Liebe Leute,
Dehli fühlt sich an wie eine Sauna, aber ich bin ja nicht allzulange hier. Vor 1 Woche waren hier noch 49 Grad im Schatten, jetzt hats zum Glück geregnet und auf frische 39 Grad abgekühlt, dafür aber mit ner Luftfeuchtigkeit von 96 %. Lecker. Übermorgen Nacht fliege ich wieder nach Dresden zurück. Kaum zu glauben, dass die 6 Monate in Indien schon wieder vorüber sind. Wenn ich die ganzen Erlebnisse nochmal an meinem geistigen Auge vorbeiziehen lasse, kommt mir die Zeit viel länger vor. Es war einfach so viel. Und vieles muß noch bissl verdaut werden. Ich stelle immer wieder fest, daß ich, obwohl ich mich nun schon eine Weile mit diesem Land und seiner Kultur beschäftige, eigentlich nur sehr wenig weiß. Es kommen jedes Mal neue Aspekte dazu, die als durchschaut abgelegte Zusammenhänge wieder völlig durcheinander rühren. Was ja nicht weiter schlimm ist. So bleibt Indien interessant für mich und mit jedem Male hier sein entstehen neue Ideen für eine nächste Reise. (Ich versuche mir gerade das Gesicht meines Chefs vorzustellen, er bekommt meine mails ja auch..) Aber bis dahin wird sicher wieder eine Weile vergehen. Jetzt freu ich mich erstmal auf das schöne Dresden, auf einige Leute und ein Schwätzchen mit ihnen, auf Erdbeertorte mit Schlagsahne und einen richtigen Kaffee. Und viele Dinge mehr, die ich hier nicht habe und auch nicht vermisse, zuhause aber trotzdem genießen kann. Sehr gespannt bin ich auch auf die Fotos. Neben der immer noch besseren Qualität eines Dias, ein großer Vorteil des analog fotografierens ist die permanente Vorfreude auf den Tag, an dem man die Filme vom Entwickeln abholen kann. Was ja aber auch völlig in die Hose gehen kann, wenn man feststellt, daß alles hoffnungslos fehlbelichtet ist oder ein Sandkörnchen in der Kamera einen tiefen Krater durch jeden Film gezogen hat. Aber selbst dann, die lange Zeit der Vorfreude bleibt ja trotzdem. Mit einer analogen Kamera wird man inzwischen selbst hier, wo 95 % der Felder noch mit Holzpflug und Ochsengespann umgeackert werden, wo die Fahrräder aussehen wie aus einem Stück gefeilt und selbst Elektizität in einigen Gegenden noch ein Fremdwort ist, ganz schnell zum Exoten. Digital beherrscht die Fotowelt, mit meiner alten, 8 kg schweren Ausrüstung bin ich grußlos rückwirkend in die unterste Kaste der Fotografengesellschaft hineingeboren worden. Aber ich durfte mir trotzdem ab und zu mal von anderen Reisenden ne Digitale leihen, so kann ich Euch noch mal ein paar Fotos aus den letzten Wochen mit dranhängen.
Also, alles in allem hatte ich in dem letzten halben Jahr eine sehr schöne und interessante Zeit. Dinge, die ich geplant hatte, gingen total daneben, aber aus diesen Situationen entstanden immer wieder unerwartete, nicht weniger interessante Alternativen. Es gab wieder sehr viele Begegnungen mit den Menschen dieses Landes (was sich bei den ca. 1.300 Millionen Einwohnern aber auch gar nicht vermeiden läßt), aber auch immer mal wieder Gelegenheiten, sich etwas aus dem Chaos zurückzuziehen. Bei allen, zum Teil sehr seltsamen und traurigen Entwicklungen und Veränderungen, die hier gerade stattfinden, bleibt Indien trotzdem eine riesige, farbenfrohe Faszination für mich.
Das Schreiben war mal was Neues für mich, aber es hat mir mehr und mehr Spaß gemacht. Es war eine gute Möglichkeit, sich im Nachhinein nochmals mit Erlebtem zu beschäftigen. Ich hoffe, Ihr hattet genauso viel Freude beim Lesen wie ich beim Schreiben.