DRESDEN, Ende Juli 2007

Liebe Leute,
jetzt bin ich seit 4 Wochen zurück in Deutschland und mir scheint es nicht länger als 4 Tage zu sein. Und Indien ist schon wieder so weit entfernt. Die Uhren hier ticken doch anders. Das Zurückkommen wird mit jedem Male einfacher, gleichzeitig aber scheint auch die Intensität der Erinnerungen schneller abzunehmen. Mir ging es bei der Ankunft in Mumbai ähnlich, als ich aus dem Flughafengebäude raus lief, war Deutschland plötzlich ganz weit weg. Ich hab mich etwas gewundert, aber im Grunde war es ein angenehmer Zustand. Vielleicht ein Schritt in die Richtung des Lebens im Jetzt, ohne sich mit Ballast abzuschleppen, den man ohnehin in dem Moment nicht verwerten kann. Die ganzen 6 Monate in Indien waren eine großartige Zeit, voll gestopft mit Erlebnissen und Eindrücken, aber es war auch immer genügend Gelegenheit, um diese Eindrücke und Erlebnisse setzen und wirken zu lassen. Ich hatte viel Glück diesmal, es haben sich interessante Kontakte ergeben und auch mein relativ planloses Unterwegssein war für viele Überraschungen gut. Die größte Überraschung waren meine 104 belichteten Filme, die zuhause aufs angeschaut werden gewartet hatten. Die große Freude über die vielen nicht ganz so völlig unbrauchbaren Fotos hatte aber auch einen kleinen negativen Beigeschmack, wenn weniger gelungen wäre, hätte ich auch weniger rahmen, sortieren und nummerieren müssen… Naja, so hab ich die letzte Zeit meist bis Hals in den Dias gesessen, aber so langsam wird wieder Licht.
Beim Anschauen sind mir auch viele kleine Begebenheiten wieder eingefallen, wie das absolut skurile Zusammentreffen mit 3 Hijras in Kurukshettra. Die Hijras sind Eunuchen, kastrierte Männer, die geschminkt und in Frauenkleidern durchs Land ziehen. Die Menschen haben Angst vor ihnen, es wird geglaubt, dass Flüche, die sie aussprechen, wahr werden. Sie tanzen oft auf Hochzeiten oder nach der Geburt von Kindern und verdienen damit ihren Lebensunterhalt. Wenn ihnen die Mitglieder ausgehen, wird auch schnell mal ein Junge geraubt, viele von ihnen sind unfreiwillig kastriert worden. Eine weitere Möglichkeit, Geld zu verdienen, ist Prostitution. Ich hab 3 von ihnen auf einer Wiese sitzen und sich mit einer Pinzette die Bartstoppeln rauszupfen sehen. Ich wollte fotografieren, sie aber wollten Sex. Wonach mir aber wiederum in dem Moment überhaupt nicht war. Wenn ich in diese runzeligen, stoppelbärtigen Gesichter mit Lidschatten und Lippenstift sah, fühlte ich mich eher wie in einer Gespensterbahn als auf der Suche nach einem Schäferstündchen. Nach einer Weile penetranten Fragens durfte ich dann aber doch ein paar Fotos von dieser kosmetischen Open-Air-Behandlung machen, aber ich wollte mehr sehen. Ich weiß, dass die Jungs ziemlich radikal kastriert werden, ohne Narkose und medizinische Nachsorge. Es wird mit einem unsterilen Messer alles abgeschnitten, viele überleben diese Operation nicht und sterben an Infektionen. Ich wollte einfach mal unter den Sari schauen. Nach weiterem penetranten Fragen für bestimmt eine halbe Stunde erklärte sich dann doch einer von ihnen dazu bereit, den Sari zu lüften, aber ich sollte mit auf die öffentliche Toilette kommen. Mir fallen keine Worte ein, mit denen ich auch nur andeutungsweise eine öffentliche Toilette in Indien beschreiben könnte. Und ich kenne auch keinen Platz auf dieser Welt, der weniger geeignet für eine Fotosession wäre als eben eine öffentliche Toilette in Indien. Die Neugier siegte, ich bin mit Ihnen mitgegangen, war aber bereit, jeden Moment davonzurennen. Schlußendlich stand dann einer der drei nur mit BH und unrasierten Beinen vor mir im Innenhof der Toilette, es war so abgefahren. Fotografieren aber war ohne Diskussionen davon abhängig, die von ihnen angebotenen Liebesdienste doch noch in Anspruch zu nehmen. Bitte habt Verständnis, dass es keine Bilder gibt.
Ne andere nette Geschichte spielte sich ab, als ich von Kedarnath nach Gangotri getrampt bin. Ein älteres Ehepaar hatte mich ein Stück mitgenommen, er wollte nach Uttarkashi zu einem Kongress. Er schlich mit 25 km/h über die Straßen und ich fing schon an zu bereuen, eingestiegen zu sein. Es waren noch 200 km bis Gangotri. Nach kurzer Zeit fragte er mich, ob ich Auto fahren könne und als ich bejahte, ob ich dieses Auto nach Uttarkashi fahren kann. Er sei völlig übermüdet und könne nicht mehr fahren. Ich sagte wieder ja, obwohl ich mir nicht mehr ganz so sicher war und wir tauschten die Sitze. Es ist ja nun doch einiges anders auf Indiens Straßen. Linksverkehr, extrem schlechte, oft nur handtuchbreite Straßen. Es wird generell mit eingeklappten Spiegeln gefahren, es ist einfach nicht genügend Platz. Ich war ziemlich optimistisch, hab aber am Anfang die Autobreite unter- und meine Fahrkünste auf Indiens Straßen überschätzt. Seine Frau auf dem Rücksitz kreischte einige Male hysterisch auf und als ich nach einiger Zeit darauf bestanden habe, dass er den Beifahrerspiegel doch mal ausklappt, merkte ich, dass dies auch durchaus berechtigt war. Ich bin wahrscheinlich nur mit Millimeterabstand an einem Wasserkanal, einem Felsbrocken und an einem entgegenkommenden LKW vorbeigeschrammt. Er war plötzlich wieder hellwach, das Adrenalin sprudelte fast aus seinen Ohren, war aber nicht fähig, auch nur ein Wort zu sagen. Nach einer Weile hatte ich es etwas besser im Griff, sein Adrenalin baute sich langsam ab, er pennte ein und fiel mit seinem Kopf immer gegen meine Schulter. Was wiederum die Fahrerei für mich nicht gerade einfacher machte. Es wurde besser, als er sich hinten hinlegte, seine Frau saß dann neben mir. Sehr verspannt, die Haare durcheinander und in den Augen noch die Schrecken der ersten Kilometer. Aber auch sie entspannte sich langsam, nach 50 km brachte sie sich dann sogar ihre Frisur wieder in Ordnung. Für mich war es sehr interessant, den Straßenverkehr mal aus der Sicht eines Fahrers zu erleben, es ist dramatisch. Dinge, die mir bis dahin immer völlig unsinnig erschienen, machte ich plötzlich selbst. Ich blieb auch bis zur letzten Sekunde auf der Mitte der Straße, um so wenig wie möglich über den Schotter holpern zu müssen und das Spiel fing sogar an, Spaß zu machen. Knietiefe Schlaglöcher und kopfgroße Steine, rücksichtslose Busfahrer, Kühe und spielende Kinder sorgen dafür, daß keine Langeweile aufkommt. Jeder hupt ständig, etwas, was mir nach nun insgesamt 3 Jahren in Indien trotzdem noch absolut auf die Nerven geht. Aber es geht einfach nicht ohne. Ortsdurchfahrten sind das reinste Chaos. Auch wenn die Straße schon hoffnungslos verstopft ist, sich nicht noch an der Seite vorbei zu schieben. Ohne Drängeln kommt man dort nie ans Ziel. Für mein immer noch westliches Denkstrickmuster nur schwer begreiflich, das Chaos funktioniert in sich und alles löst sich irgendwann wieder auf. Meist.
Und trotzdem, es gab einige Situationen, in denen ich einige der Regeln, die uns in Deutschland mit ihrer Perfektion ja oft vollständig der Entscheidungsfreiheit berauben, zumindest ansatzweise wieder zu schätzen lernte.