NEPAL, Ende September 2009
Ich bin am 21.7.09 mitten in der Nacht in Delhi angekommen, hatte mein Fahrrad schon am Flughafen zusammengebaut und bin dann voller Vorfreude durch die noch dunkle Stadt geradelt. Ein superschönes Ankommen, Pfaue schrieen, die Rikscha-Fahrer lachten und winkten. Ich fühl mich immer von Anfang an wohl und vielleicht sogar ein bissl zuhause. Mir fallen dann auch gleich ein paar Vokabeln ein und alles ist easy and locker. Ich wollte, um nicht so viel Zeit auf Indiens Autobahnen zu vertrödeln, mit dem Zug nach Amritsar an der pakistanischen Grenze fahren. Auf dem Bahnhof hab ich gleich erst mal mein Immunsystem mit einem Liter Leitungswasser geschockt, bzw aufgeweckt. Den Zug hätte ich trotzdem fast fahren lassen müssen, da ich nur ein Ticket für mich, aber nicht fürs Rad hatte. Es hat sich aber in letzter Sekunde noch aufgelöst, der Zug fuhr schon langsam, als ich endlich rein konnte. Hab den Nachmittag im Goldenen Tempel verbracht, dem Hauptheiligtum der Sikhs und bin am nächsten Tag über die Grenze nach Pakistan geradelt. Es waren 42 Grad und gefühlte 130 % Luftfeuchte, mühsam zum Rad fahren. Keine Kontrolle, aber ne witzige Flüsterkonversation. All die üblichen Fragen nach Name, Herkunft, Ehestand, Kindern und, und, und. Flüster hin und flüster her, auf die Frage, was ich denn in Pakistan vorhabe habe ich zurückgeflüstert “to meet my taliban friends”. Abbruch des Flüsterspiels und sehr irritierter Gesichtsausdruck des Beamten. Hab mich schon auf ne längere Prozedur eingestellt, es blieb aber alles im Rahmen.
Ich hatte mich an der Grenze nach der aktuellen innenpolitischen Situation erkundigt, nach den heftigen Gefechten der pakistanischen Armee mit den Taliban wenige Wochen zuvor schien alles ruhig und relativ gefahrlos zu sein. Gleiches haben mir auch alte Bekannte der lokalen Presse in Lahore bestätigt, ihnen hat mein Plan so gefallen, daß sie gleich ein Interview mit mir veranstaltet haben. 2 Tage später war ein netter kleiner Artikel in der Zeitung.

Die 350 km von Lahore nach Islamabad auf dem viel befahrenen National Highway hab ich mir auch erspart und bin stattdessen in den Nachtzug gesprungen. Ab Islamabad war ich dann aber mit dem Rad unterwegs. Die nächsten 650 km und 8500 Höhenmeter bis nach Gilgit waren ziemlich mühsam. Viel Verkehr am Anfang, armdicke Rußfahnen aus Bussen und Lkws, z.t. extrem schlechte Strassen, unglaublich heiß mit bis zu 49 Grad im Schatten und einer Schottergebirgslandschaft, die auf den ersten 500 km auch nicht allzuviel hergab. Das Wasser aus den Trinkflaschen war teilweise so heiß, dass ich es vorm trinken erst ne Weile im Mund lassen mußte und auch die Bremsgriffe konnte ich kaum anfassen. Ich hab noch nie so ne unglaubliche Hitze erlebt. Zwischen Islamabad und Gilgit hatte ich ganz oft Polizeieskorte, die manchmal bissl nervig war, sich aber im Nachhinein als alles andere als unberechtigt herausgestellt hat.
Nördlich von Gilgit wurde dann zwar das Klima angenehmer, dafür aber die Strassen schlechter. Einige kleine Dörfer entlang der Straße, meist inmitten wundervoll duftender Wäldchen, freundliche Hunza-Leute und traumhafte Rundblicke auf schneebedeckte Berge und in zerklüftete Täler. Nur die Radelei auf den meist extrem schlechten und staubigen Strassen schlaucht ganz schön. Die Chinesen bauen gerade den Karakorum-Highway aus, die Hälfte der Strecke ist Baustelle mit übler Schotterpiste. Entgegenkommende Autos rasen wie gestört vorbei, ich mußte sie ausbremsen, damit mir nicht faustgroße Steine um die Ohren flogen. Seit 2 Jahren ist es verboten, den Kunjarab-Pass zu Fuß oder mit dem Rad zu überqueren, ich musste die letzten 80 km in den Bus.
Die Ankunft in China schlug dann alles, was ich an Arroganz und Unfreundlichkeit bei Grenzübertritten bisher erlebt habe. Wortlos kamen die Militärs in den Bus, jeder bekam Fieber gemessen und danach mussten alle den Bus verlassen. Alles Gepäck wurde ausgeladen und Stück für Stück ausgepackt und angeschaut. Und alles ohne den leisesten erkennbaren Anflug von Freundlichkeit. Steinerne Gesichter und knappe Kommandos. Unglaublich! Ich war sehr versucht, nach Pakistan zurück zu fahren. Der erste Eindruck von den chinesischen Authoritäten machte wenig Mut für meinen Tibet-Plan. Aber es kamen noch ein paar andere kleine Probleme dazu. Ich kann die chinesischen Schriftzeichen natürlich nicht deuten und fast niemand spricht englisch. Eine Speisekarte sieht zwar aus wie ein kalligrafisches Kunstwerk, nutzt mir aber nix, wenn ich Hunger habe. Die einzige Möglichkeit ist, mit in die Küche zu gehen und darauf zu zeigen, was ich essen möchte. Falls ich überhaupt noch was essen möchte, nachdem ich die Küche gesehen habe… Geld wechseln war das nächste der kleinen Probleme. Es gab einen Geldwechsler mit einem miesen Kurs, eine Bank, die erst in 2 Tagen wieder aufmachte und einen Geldautomaten. Also Karte rein und erschrecken. Sah wieder hübsch aus, aber ich hatte keinen Schimmer, wo ich hätte draufdrücken sollen, damit da Geld rauskam. Hab dann inständig gehofft, daß “Abbruch” global unten rechts ist. Zum Glück hat es geklappt und ich bin zu dem schmierigen Geldwechsler gefahren.
Die restlichen 300 km bis Kashgar sollten eigentlich nur bergab gehen, stattdessen gings über 70 km stetig von 2.800 auf 3.900 m berghoch. In einem wunderschönen, kargen Hochland, immer zu Füßen des Muztag Ata. Ich war noch nicht richtig an die Höhe angepasst, hatte ziemlich damit zu tun, der Versuchung zu widerstehen, in einen der Pickups einzusteigen, die ab und zu mal anhielten und fragten, ob ich mit will. Zur Belohnung gabs dann ne mickrige 10 km lange Abfahrt. Der Tadschike, der eine Stunde später vor seiner Jurte stand und mir Übernachtung anbot, kam gerade recht. Obwohl es erst 15:00 Uhr war. Am nächsten Tag liefs dann etwas besser, die ersten 70 km ging es wirklich bergab.
Kashgar war ein ziemlicher Kontrast zu der Landschaft in den Tagen zuvor. Da war nix mehr zu spüren von Seidenstrassen-Feeling, alles ist fest in chinesischer Hand. Es ist jetzt eine chinesische Disneyland-Stadt mit Betonhochhäusern, riesigen Werbetafeln und Supermärkten ohne Ende. In der Mitte noch ein paar rudimentäre Reste der alten Wüstenstadt aus Lehm. Der Großteil der alten Stadt wurde von den Chinesen in den letzten Jahren schon planiert und die bestehenden Pläne, die restliche Altstadt vollends niederzureißen, werden nach den Unruhen im Juli 2009 sicher im Lauf des nächsten Jahres umgesetzt werden. Damit wäre dann auch der letzte Rest uigurischer Kultur hier zerstört. Die Uiguren werden umgesiedelt und somit wird der Widerstand gegen die Chinesen sehr, sehr erschwert. Ich fühlte mich dort alles andere als wohl, im Gegenteil, es fühlte sich an, als hätte mir jemand den Stöpsel gezogen und die Luft abgelassen. Die Stadt ist durch Militärs völlig überwacht. Vor der großen Moschee, dem Zentrum des Bösen für die Chinesen, ist ein regelrechtes Army-Camp errichtet worden, mit Wachablösung und einer Bewaffnung, die schon bissl unruhig macht. An jeder Kreuzung und vor jedem öffentlichen Gebäude stehen Gruppen von 10 bis 15 schwer bewaffneten Chinesen, mehrere Konvois von 3 Lkw, die Ladeflächen voller Soldaten, patrouillieren permanent durch die Stadt, Lautsprecherfahrzeuge grölen chinesische Parolen. Es erinnert mich alles etwas an die DDR und an Orwells “1984”. Telefon ins Ausland und Internet sind bis voraussichtlich Oktober stillgelegt, außerhalb der Städte sind unzählige Militär- und Polizei-Kontrollen dazu gekommen.
Für mich bedeutete das, daß ich meine Tibet-Pläne begraben konnte. Es war unmöglich, in der derzeitigen Situation etwas auch nur andeutungsweise Illegales zu unternehmen. Ich hab mit Radfahrern gesprochen, die es versucht haben, sie sind noch nicht mal aus Kashgar rausgekommen. Offiziell wäre es möglich. Was aber bedeutet, ca 3.500 Euro für Permit, Jeep, Begleitoffizier und Führer zu bezahlen. Völlig indiskutabel für mich, den Chinesen so viel Geld hinzuwerfen, damit ließen sich viele sinnvollere Dinge anfangen. Zumal die Chinesen das Geld als Eintritt in eine Kultur verlangen, die sie in den letzten 50 Jahren nachhaltig zerstört haben.
In China wollte ich nicht bleiben und das Date mit meiner Freundin Ende September wollte ich natürlich auch nicht verpassen. Damit blieb nur der Weg zurück nach Pakistan und Indien. Das bedeutete aber auch zurück auf den staubigen KKH. Um nicht die gesamte Strecke wieder zurückfahren zu müssen, bin ich in Chillas nach Osten zum Babusar-Pass abgebogen. Die Straße führt über 42 km durch ein wunderschönes Tal, ziemlich steil von 1.100 m auf 4.200 m ansteigend. Mühsamer als die Steigung aber waren (dem Gefühl nach) Tausende nervende, Steine werfende und an den Packtaschen herumzerrende Kinder. In solchen Momenten frag ich mich manchmal, warum um alles in der Welt ich diesen Blödsinn mache und nicht stattdessen Eierschecke essend in Dresden an der Elbe sitze. Und oft fällt mir keine Antwort ein….. Für die letzten 15 km hab ich 4,5 Stunden gebraucht, die Strasse war oft zu steil oder zu schlecht. Meist beides. Ich musste sehr viel schieben. Auf der anderen Seite herunter war es noch schlimmer. 25 km Baustelle der übelsten Sorte, knietiefer loser Schotter, Schlammpassagen, Flußdurchfahrten, große Steine, ich wunderte mich, weshalb mir mein Fahrrad nicht um die Ohren flog.
Naran, der erste Ort nach dem Pass, war wegen des Nationalfeiertages voller reicher pakistanischer Touristen aus den großen Städten und die Zimmerpreise waren auf das 5-fache gestiegen. Da ich schon oft in Polizeistationen geschlafen hatte (meist nicht so komfortabel, dafür aber umsonst), hab ich mal wieder den etwas Verängstigten gemimt und durfte, weil auch da nichts anderes frei war, in der Knastzelle logieren. Auch mal eine Erfahrung, obwohl ich im Gegensatz zu den sonstigen Insassen mein eigenes Schloss verwenden konnte. Ich bin einen Tag in Naran geblieben, hab fast die ganze Zeit am Fluß gesessen und nichts anderes getan, als voller Genuß klare frische Luft geatmet. Ich hatte das Gefühl, als würde ich mittlerweile ein Kilo Staub in meiner Lunge mit mir herumtragen.
Weiter südlich wollte ich durch das pakistanische Kaschmir fahren, was der kürzeste und verkehrsärmere Weg nach Islamabad gewesen wäre, bin aber an der Grenze abgeprallt. Ohne spezielles Permit kommt man da nicht rein. Schade, ich hatte sogar die leise Hoffnung, vielleicht da oben direkt über die Grenze in den indischen Teil Kaschmirs fahren zu können, aber das hatte sich damit ja sofort zerschlagen. Das hätte mir einen Umweg von 900 km erspart, ich war ja nur noch 200 km von Srinagar entfernt. Die Beamten waren total nett, es gab Tee und Kekse, aber eben keine Passage. Den National Highway zwischen Islamabad und Lahore hab ich mir wieder erspart und bin mit dem Bus gefahren.
Ganz auffällig war, wie viele Pakistanis mich überall ansprachen und mich fragten, wie es mir hier gefalle und ob ich den Eindruck habe, daß alle Pakistanis Terroristen seien. Sie waren offensichtlich erleichtert, wenn sie meine Antworten hörten. Sie bekommen natürlich mit, daß in der gesamten westlichen Welt Stimmung gegen sie gemacht wird und finden das höchst unfair. Ich auch. Fast alle baten mich, dies doch bitte zuhause irgendwie richtig zu stellen. Aber das tue ich ja bei meinen Dia-Vorträgen schon seit Jahren. Ich habe ohnehin den Eindruck, dass die meisten Konflikte auf unserer Erde aus der aggressiven Macht- und Ölgier der USA und ihrer engsten Angehörigen entstehen und würde die Wurzeln des Terrorismus eher in Washington als in Islamabad suchen. Aber das ist meine ganz persönliche Meinung..

Ein nochmaliger Besuch bei meinen Pressefreunden brachte neben vielen Tassen Tee noch einen Artikel in der Zeitung mit sich, diesmal mit meinen Fotos. Ein total netter Kontakt.
Von Lahore aus bin ich zurück nach Indien gefahren. Ich brauchte einen Ausweichplan, um der verbleibenden Zeit bis Ende September einen Sinn zu geben. Das Tiefland Indiens kam wegen der Sommerhitze gar nicht in Frage, es blieb nur der indische Teil des Himalaya übrig. Und damit nur eine Straße über Kaschmir nach Ladakh und dann südlich über Spiti zurück ins indische Flachland. Die Strecke nach Srinagar war gut hügelig, aber landschaftlich sehr schön. Sehr grün, nicht mehr so heiß. Bissl viel Verkehr manchmal, aber auch das war schon schlimmer. Sehr unangenehm war ein 3 km langer Tunnel, durch den ich, zwischen Lkws eingeklemmt, mit 40 km/h ohne was zu sehen durchrasen mußte. Hab inständig gehofft, dass nichts auf der Strasse liegt! Auffällig viel Militär war auch in Kaschmir stationiert. Überall Patrouillen, oft kein größerer Abstand als Sichtweite. Ähnlich wie in Kashgar, nur dass man mit den Soldaten auch mal ein Späßchen machen konnte. Hier schwelt ja schon seit der Teilung Indiens ein Grenzkonflikt mit Pakistan, der immer mal wieder aufflackert, wenn in der Regierung irgend etwas anderes in die Hose ging, von dem man gerne ablenken will. Zum Glück war gerade Ramadan. Und da die Ramadan-Wochen schon immer so eine stillschweigend eingehaltene Waffenstillstandszeit waren, hoffte ich, wirds wohl auch diesmal friedlich bleiben. Mit leerem Magen kämpft sichs schlecht….
In Srinagar wurde es mal wieder Zeit für eine kleine Pause. Ich hab total gemütlich auf einem Hausboot gewohnt und nicht viel gemacht außer gut essen, auf der Veranda am Wasser rumlümmeln und lesen und mit der Shikara übern See paddeln. Auch mal schön nach der ständigen Fahrradfahrerei.
Gleich nach meiner Ankunft in Srinagar hab ich Rafik, den Bäcker, der vor längerer Zeit ein paar Jahre in Deutschland gearbeitet hat, besucht. Er hat sich zwar nicht daran erinnert, dass ich 2001 mal für 2 Wochen Stammgast in seiner Bäckerei war, hat mir aber trotzdem seine Lebensgeschichte der letzten Jahre erzählt. Leider hatte er vor 2 Jahren einen Unfall in einem Bus, seitdem ist sein linkes Bein halb gelähmt. Trotzdem strahlt er und sagt von sich, er sei glücklich mit allem, was ihn umgibt. Seine kleine Bäckerei, seine Freunde, Srinagar als seine Heimatstadt. Seine deutsche Frau lebt in Frankfurt, sie hat er 1993 das letzte Mal gesehen. Ich war natürlich Kaffee trinken bei ihm, er hatte Nuss- und Marmorkuchen gebacken. Es war erstaunlich, dass es wegen des Ramadans überhaupt etwas essen gab und noch erstaunlicher, wie viele das Fasten tagsüber nicht so besonders ernst nehmen und kauend und rauchend in Rafiks kleiner Stube saßen.
Die Fahrt von Srinagar hinüber nach Leh in Ladakh war superschön. Mit 3 großen und 2 kleinen Pässen, großartigen Ausblicken, aber auch ziemlich anstrengend. Hab mich am ersten Tag bissl übernommen, da ein Militär-Checkposten, wo ich übernachten wollte, einfach nicht mehr da war und ich noch 40 km weiter fahren mußte. Schon bis zum Checkposten wäre es ein sehr ausgefüllter Tag gewesen, und noch dazu hatte ich auch nix zu essen mehr. Das habe ich am nächsten Tag deutlich gemerkt, hatte Beine wie Blei. Aber am Tag danach gings dann wieder, dafür aber mußte ich über einen Pass mit 3.800 m, im Regen und auf Schlammpiste. Beim 2. Pass mit 4150 m wurde es zum Glück sonnig, traumhaft schön, mit einer rauschenden Abfahrt auf guter Straße bis hinunter ins Industal. Wenn ich mir überlege, daß ich auf pakistanischer Seite schon mal ganz nahe war….
Ich bin dann eine knappe Woche in Leh geblieben, hab viel Zeit mit lesen, fotografieren und Kuchen essen verbracht und hab einen Ausflug ohne Gepäck auf den Khardung La, den mit 5.600 m höchsten befahrbaren Pass der Welt gemacht. Mitte August, mit 15 cm Neuschnee in einer wunderschönen Winterlandschaft.
Die 500 km lange Fahrt von Leh über den Himalaya-Hauptkamm hinunter nach Manali war meist sehr schön, aber auch einigermaßen anstrengend. Am ersten Pass, dem Taglang La (5.360 m) war nach schönes Wetter, aber es waren nur noch 2 Grad. Danach ging es 45 km über eine 4.600 m hohe Hochebene, mit heftigem Gegenwind und vielen Sandstürmen. Es fühlte sich an wie sandgestrahlt werden. Die Nacht in Pang auf 4.400 m war die kälteste, im Zelt waren minus 5 Grad. Über 60 Grad kälter als auf dem Karakorum Highway…. Auf den nächsten beiden Pässen, dem Lachlung La (5.065 m) und dem Nakee La (4.915 m) fing es dann schon an zu schneien und ich hatte nur noch Gegenwind. Am Baralacha La (4.892 m) lag dann schon so viel Schnee, dass ich oft schieben musste. Aber im Vergleich zu dem, was mich am Rotang La noch erwartete, war das ja noch richtig spaßig.
Das Wetter wurde noch schlechter, Schneeregen, Sturm und Temperaturen knapp über 0 Grad. So ziemlich das ekligste, was man sich zum fahrradfahren vorstellen kann. In einer kalten zugigen Dhaba in Gramphu, am Fuß des Rotang La auf 3.200 m, hab ich mitbekommen, dass die Straße nach Spiti auf unbestimmte Zeit wegen Erdrutschen geschlossen ist. Hab vor mich hin gefroren, was gegessen und mir meine Alternativen vor Augen geführt. Diese beschränkten sich auf mich für nicht absehbare Zeit einschneien zu lassen oder, am besten mit dem Bus, noch schnell den Rotang La zu überqueren. Die sinnvollere Option schien der Bus zu sein. Der Regen war schon Stunden zuvor in Schnee übergegangen und als ich in den Bus einstieg, war ich schon leicht am Zweifeln, ob das überhaupt ne gute Idee ist. Aber es hätte auch die letzte Chance für ne Weile sein können, den Pass zu überqueren. Es wurde immer schlimmer mit dem Schnee, die Straße war schon total verschneit, der Bus schlitterte hin und her, manchmal brach die Strasse schon einen halben Meter neben den Rädern senkrecht für mehrere hundert Meter ab. Alle Entspannungsübungen verpufften im eisigen Wind. Es ging aber trotzdem relativ gut bis 5 km unterhalb des fast 4.000 m hohen Passes. Mittlerweile lagen 30 cm Schnee auf der Straße und viele Lkws und Busse steckten fest. Die Fahrt war auf 3.800 m zu Ende. Gegen 17 Uhr, es schneite wie wild und es war schon ziemlich duster. Alle stiegen aus und gingen zu Fuß entweder weiter in Richtung Pass oder wieder zurück ins Tal. Beides erschien mir als totaler Wahnsinn bei dem Wetter. Aber irgend etwas mußte ich ja tun, also hab ich auch versucht, noch den Pass zu überqueren. Nach 500 m Fahrrad durch den tiefen Schnee schieben hab ich aber wieder aufgegeben und in einem anderen Bus, dessen Passagiere auch schon zu Fuß unterwegs waren, gefragt, ob ich im Bus schlafen kann. Mit bissl Überredung ging das dann, aber nach einer Stunde hat sich der Fahrer entschieden, doch noch ins Tal zu gehen und wollte mich wieder loswerden. Hab ihn mit viel Mühe überreden können, daß ich bleiben darf. Ich war total durchnässt und mir war eisig kalt. Bin im Bus über eine Stunde auf der Stelle gerannt, um meine Sachen ein wenig trocken zu bekommen und hab mich dann in den Schlafsack verkrümelt. Es hat die ganze Nacht weitergeschneit, morgens lag dann ein halber Meter nasser Schnee und es regnete bei ziemlich heftigem eisigen Wind. Ich hatte zum Glück noch etwas Müsli und im Bus lag eine halbvolle Wasserflasche rum. Nach den ersten Metern Rad schieben bin ich fast verzweifelt. Es ging überhaupt nicht. Ich stand bis zu den Waden im eisig kalten Wasser unter der Schneeschicht und das Rad steckte wie festgeklebt im nassen Schnee. Hab dann die Radtaschen abgemacht und ein Stück nach vorn getragen. Dann wieder zurück und das Rad geholt, das ging halbwegs, war aber total erschöpfend. Alles naß, eiskalte Füße, für 100 m hab ich 10 min gebraucht. Aber es war die einzige Möglichkeit. Irgendwann war ich oben, zu meiner Überraschung war auf der anderen Seite einen Kilometer nach der Passhöhe ein Dhaba-Zelt. Nix wie rein, Tee trinken und am Feuer wärmen. Nach einer ganzen Weile kamen 2 Jeeps, die sich durch den Schnee gewühlt hatten und einer der Fahrer bot mir an, mich mit nach unten zu nehmen. Draußen peitschte der eiskalte Wind durch die Luft, hab nicht lange überlegen brauchen. Für die nächsten 15 km war die Strasse in einem verheerenden Zustand. Nicht mehr so viel Schnee wie auf der anderen Seite, aber Erd- und Schlammrutsche, Wasserfälle quer über die Straße, tiefe mit Wasser und großen Steinen gefüllte Spurrinnen. Und strömender Regen. Ich bin ja nicht gerade der glühende Verfechter des automobilen Straßenverkehrs, aber da war ich unendlich froh, in dem Jeep sitzen zu können.
Naja, und der Rest ist schnell erzählt. Ein paar Tage in Vashisht bei Manali, perfekt zum ausruhen mit heißen Quellen und German Bakery und die restlichen 600 km nach Delhi waren, abgesehen von wieder dramatisch zunehmenden Verkehr, Abgasen, Ruß, Lärm, Hitze und Staub, ein eher gemütlicher Ausklang…..
Nach Nepal bin ich letztendlich von Delhi geflogen. Ich hatte einfach die Nase voll von Radtouren auf Baustellen, die Lunge war voller Staub und ich hab mich nur noch darauf gefreut, ganz gemütlich zu zweit durch die wunderschöne Berglandschaft Nepals zu stolpern.
So bleibt der Mt. Kailash, das eigentliche Ziel dieses Radausfluges über 4.500 km und 50.000 Höhenmeter, immer noch in weiter Ferne. Natürlich war ich, als in Kashgar meine Pläne zerbröselten, erst einmal enttäuscht. Dies hat sich aber, nachdem ich mir bewußt gemacht habe, wie die Uiguren unter der chinesischen Willkür leiden und leben müssen, während ich einfach woanders hinfahre, ganz schnell wieder relativiert.
Gleiches betrifft die Situation in Tibet. Während die komplette westliche und ein Teil der östlichen Welt der Wirtschaftsmacht China vom Ende her in den Verdauungstrakt kriecht, scheint dort das Schicksal der Kultur, deren Philosophie ein wertvoller Beitrag zur Gestaltung einer friedlicheren Welt sein könnte, weitestgehend besiegelt.
