doch nicht nach TIBET

Im Juli 2009 bin ich nach New Delhi geflogen um mir einen alten Traum zu erfüllen. Ich passe ja immer bissl auf, dass mir die Träume nicht ausgehen und kann mich auch sehr nur an dem Traum an sich erfreuen, aber so ab und zu darf schon auch mal einer wahr werden. Ich hatte mein Rad dabei, wollte den Karakorum Highway hinauf bis in die alte Seidenstrassenstadt Kashgar und von da so halb illegal durch Tibet am Mount Kailash vorbei nach Nepal fahren. Es stellte sich heraus, dass der Zeitpunkt für diese Reise nicht so optimal war, dank der in Pakistan immer noch kräftig nachwirkenden Aussenpolitik der US-Regierung unter Osama bin Bush hatten die Taliban in einigen Gebieten stark an Einfluss gewonnen und mit üblen Terrorakten Pakistan wieder in die Negativ-Schlagzeilen der globalen Medien gebracht. Für mich bedeutete dies radeln mit Polizeieskorte über mehrere hundert Kilometer, für die Menschen dort aber wieder Krieg, Furcht und Flucht. In Kashgar fand ich eine ähnliche Szenerie, bürgerkriegsähnliche Zustände nach Kämpfen zwischen Uiguren und Chinesen in Ürümqi und Kashgar 2 Wochen vor meiner Abreise veranlassten die chinesische Regierung, in gewohnter Manier massiv Militär nach Xinjiang zu schicken und somit jeglichen aufkeimenden Widerstand gegen die Unterdrückung der uigurischen Kultur sofort im Keim zu ersticken. In Teilen glich die Stadt einem chinesischen Armeelager, völlig illusorisch, mich an all den Militärs vorbei nach Tibet schleichen zu wollen. So bleibt der Kailash vorerst ein Traum. Ganz unabhängig von der Erfüllung meiner Reiseträume wünsche ich sehr, dass die Menschen in diesen Gebieten endlich mal in Frieden und ohne Angst leben können.
Ich brauchte eine Alternative für den Weg nach Kathmandu, schliesslich war ich Ende September dort mit Agnes verabredet. Und das wollte ich auf keinen Fall verpassen, freute ich mich doch schon seit meinem Abflug aus Deutschland unbändig darauf. Ich bin also zurück nach Pakistan gefahren, den ganzen Karakorum Highway mit all seinen Baustellen und bei Temperaturen von bis zu 50°C wieder hinunter ins heiße monsunschwüle Tiefland. Nach einem kurzen Besuch von Freunden in Lahore passierte ich die Grenze zurück nach Indien und radelte auf der indischen Seite wieder hinauf nach Kaschmir. Ein paar paradiesische Tage auf einem Hausboot am Dal-Lake haben einiges von dem Mühsal des Radfahrens bei Hitze, großen Höhen und schlechten Strassen wieder verblassen lassen, aber ich wusste auch noch nicht, was mich auf dem Weg nach Kathmandu noch erwartete. Der weitere Weg von Srinagar hinüber nach Leh in Ladakh war landschaftlich wunderschön, aber mit einigen Pässen über 4.000 m auch nicht immer nur die pure Erholung. Aber wenigstens war ich nicht so weit von meiner ursprünglich geplanten Route durch Tibet entfernt und konnte so wenigstens ein klein wenig Tibet-Feeling mit nach Hause nehmen. Auf dem weiteren Weg von Leh hinunter ins indische Tiefland trübte ein heftiger Wintereinbruch ein wenig die Freude am Radeln über mehrere über 5.000 m hohe Pässe. Ich konnte meinen geplanten Weg immer südlich der tibetischen Grenze nach Nepal wieder nicht fortsetzen und fuhr stattdessen etwas entnervt und auch einigermaßen müde vom Radfahren auf der Autobahn hinunter nach Delhi, um möglichst schnell nach Kathmandu zu fliegen.
Die anschließende dreiwöchige Wanderung mit Agnes durch Langtang, Gosainkund und Helambu war trotz viel Regen und Kälte der schönste Teil der gesamten Reise und hat es mir leicht gemacht, letztendlich früher als geplant wieder nach Deutschland zurückzukommen.
Oft wurde mir im Verlauf dieser Tour bewusst, dass Planungen, mögen sie auch noch so viel Vorfreude auslösen, dennoch nur Träume sind, die nicht unbedingt wahr werden müssen. Aber was wäre ein Leben ohne Träume? Und schließlich erzeugen zerplatzte Träume ja oft auch unerwartete Wendungen und neue Wege, die am Ende nicht minder interessant sind. Auch wieder einmal deutlich bewusst wurde mir auf dieser Reise, wie privilegiert ich hier im Abendland eigentlich lebe. Privilegiert schon allein durch die Möglichkeit, reisen zu können. Und wenn politische Spannungen dann das Reisen in einer Gegend plötzlich unmöglich machen, drehe ich einfach wieder um. Die Tibeter und Uiguren, die seit Jahrzehnten unter chinesischer Besetzung leiden und auch die Pakistanis mit all dem Terror durch die Taliban können dies nicht!

den kompletten (etwas umfangreichen….) Reisebericht findet Ihr hier