SADHUS - Heilige Männer Indiens

Meinen ersten Kontakt mit den heiligen Männern Indiens hatte ich, völlig unvorbereitet, während der Kumbha Mela 1992 in Ujjain. Ich kam aus Nepal nach Varanasi, der heiligsten aller heiligen Städte und wusste nicht, was mich in Indien erwarten würde.

Es war Mitte Mai, die heißeste Zeit des Jahres in der Gangesebene und meine noch nicht kurierte Ruhr machte das Dasein bei 45°C im Schatten nicht unbedingt angenehmer. Da ich von den Yogis gehört hatte und neugierig war, fuhr ich direkt nach Ujjain zur Kumbha Mela. Die Menschen in Varanasi, die ich über die Sadhus ausgefragt hatte, erzählten mir voller Begeisterung von diesem Fest und dass ich auf jeden Fall dahin fahren solle. Da dies mit mir noch einige Millionen Inder vorhatten, war es aber nahezu unmöglich, dort auch anzukommen. Selbst die Dächer der Busse und Züge waren überfüllt. Über Umwege kam ich nach Tagen in Ujjain an, als einer von etwa 18 Millionen Besuchern und Pilgern.
In der Stadt, in der sonst nur 370.000 Menschen zuhause sind, gab es fast kein freies Fleckchen mehr. Geschlafen wurde auf dem blanken Boden, Sadhus lagerten überall um Feuerstellen und alles, was ich sah, war völlig unbegreiflich für mich. Viele der Männer waren nackt, die Körper mit Asche eingerieben, einige hatten meterlange, verfilzte Haare, andere waren kahl geschoren. Manche standen schon seit Jahren, andere hielten ständig einen Arm nach oben, wieder andere wickelten ihren Penis auf einen Holzstab oder hoben Gewichte damit vom Boden hoch. Über dem gesamten Gelände am Khsipra-Fluss wabberten Marihuana-Rauchschwaden. Nachts wurde es völlig irreal. Ich sah die Prozession der Naga-Sadhus, alle nackt und mit Säbeln bewaffnet und war mir nicht mehr sicher, ob es wirklich 1992 oder vielleicht 992 war. Das meiste dessen, was ich fotografierte, habe ich nicht mal andeutungsweise verstanden. Nach vier Tagen hielt ich es nicht mehr aus und verließ Ujjain noch vor dem Hauptereignis, dem Seele reinigenden Bad im Fluß. Ich brauchte Wochen, um das alles etwas zu verarbeiten.

Später dann, während einer 12-monatigen Indienreise 1997/98 hielt ich mich sehr viel an den wichtigen Orten der indischen Mythologie auf und traf dort immer wieder die heiligen Männer auf ihrer lebenslangen Pilgerreise. Durch viele Gespräche konnte ich einiges über die Philosophien, die Beweggründe und die Lebensweise dieser Menschen lernen und somit wurde der erneute Besuch der Kumbha Mela 1998 in Haridwar eine sehr interessante, aber nicht weniger ungewöhnliche Zeit. Über einen Zeitraum von 4 Wochen verfolgte ich die Entwicklung des Festes bis zum Maha Snan, dem großen Bad, konnte durch einen mit einem Trick erworbenen Presseausweis an dem Initiations-Ritual der neuen Sadhus teilnehmen, saß viele Abende mit an den heiligen Feuern und traf sogar den Sadhu wieder, der 1992 mein ganzes Körpergewicht mit seinem um einen Stab gewickelten Penis gehalten hatte. Vieles, was mich 6 Jahre zuvor nur irritierte, machte jetzt zwar im Zusammenhang mit den uralten Philosophien ein wenig Sinn für mich, zeigte mir aber auch, in welch grundlegend anderer Gesellschaft ich aufgewachsen bin.

Die nächste Kumbha Mela 2001 in Allahabad war trotz großer Erwartungen eher enttäuschend für mich. Eine sehr seltene Konstellation der Gestirne, das letzte Mal vor 144 Jahren in dieser Form, brachte etwa 60 Millionen Pilger zu dem Fest. Eine unüberschaubare Anzahl von Gläubigen, die sich am Zusammenfluss von Ganges, Yamuna und Saraswati drängten, um ihre Seele und ihr Karma wieder rein zu waschen. Zu meiner Überraschung begegneten mir aber auch nicht wenige Sadhus, die sich ihrer gelobten Besitzlosigkeit, ausschließlicher Konzentration auf geistige Entwicklung und Abstinenz von Rauschmitteln zum Trotz fröhlich Unmengen Haschisch rauchend die neuesten Bollywood-Kino-Renner auf dem Fernseher in ihrem Zelt anschauten. Das Fest wurde langsam zu einer Art spirituellen Jahrmarkt, von dem sich immer mehr derjenigen Sadhus, die ernsthaft ihren Weg gehen, fernhalten.

Bei meiner letzten Indienreise Anfang 2007 verzichtete ich auf den Besuch der Kumbha Mela und fuhr stattdessen nach Varanasi, dem Ort meines ersten Zusammentreffens mit der hinduistischen Kultur. Dort wurde Shivratri gefeiert, das Fest der Hochzeit des Gottes Shiva mit Parvati. Hunderte Sadhus lagerten vor der Kulisse dieser mystischen alten Stadt am Ganges und die frühmorgendliche Prozession zum Hauptheiligtum der Stadt, dem Vishvanath-Tempel, erinnerte mich sehr an Eindrücke, die ich 15 Jahre zuvor in Ujjain hatte. Wochen später, bei einer Pilgerreise zu den Quellen des Flusses Ganges im Garwhal-Himal, traf ich dann die Sadhus, die in den einsamen Hochtälern leben und denen selbst der Besuch der Kumbha Mela nichts mehr bedeutet.
Die, nach denen ich die ganze Zeit, ohne es zu wissen, auf der Suche war.