INDIEN, Ende Februar 2007
Liebe Leute,
Shivratri ist ein großartiges Fest. Es wird die Hochzeit von Shiva und Parvati gefeiert und Varanasi war der beste Ort, an dem man dafür sein kann. Diese uralte Stadt am Ganges, lange hieß sie Kashi, Stadt des Lichts, ist DIE Shiva-Stadt in Indien. Wenn ich an den Ghats entlanglaufe oder durch die Gassen der Altstadt, habe ich den Eindruck, hier ist die Zeit stehengeblieben. Es kann sich auch nicht viel ändern, die kleinen Gassen sind so eng, dass manchmal schon 2 Kühe nicht aneinander vorbei kommen. Dort wird nie ein Auto fahren. Alte Männer sitzen auf den Treppen ihrer Häuser, verkaufen Joghurt oder Tee und beim vielen Schauen bleibts nicht aus, plötzlich bis zum Knöchel in einem Kuhfladen zu stehen. In den kleinen Kanälen entlang der Häusermauern laufen alle Abwässer, was die gesamte Altstadt nicht gerade zu einem Freudenfest für die Geruchssensoren macht. Aber es würde auch was fehlen, wenns nicht so wäre. Alles fließt natürlich in den Ganges, den heiligsten aller heiligen Flüsse und es unbegreiflich, wie sauber das Wasser dennoch aussieht. Mata Ganga wird als Göttin verehrt und gleichzeitig wird ihr aber fröhlich ins Gesicht gepinkelt. In diesem Wasser stehen dann Morgen für Morgen Tausende, um ihre rituellen Waschungen durchzuführen, die vor 1000 Jahren nicht anders ausgesehen haben können. Pilger aus allen Teilen des Landes, für die die Reise hierher und ein Bad im Ganges oft das zentrale Ereignis im Leben darstellen. Es ist faszinierend zu sehen, mit welcher Freude und Hingabe am Rand des Flusses gestanden wird, Blumengirlanden ins Wasser gelegt werden und nach vielen gesprochenen und gedachten Gebeten dann die rituelle Reinigungszeremonie im Ganges durchgeführt wird. Der Glaube, daß mit diesem rituellen Bad alle Sünden dieses Lebens abgespült werden, ist natürlich eine riesige Motivation. Wenn auch einige dieser Rituale für mein westliches Verständnis manchmal etwas fragwürdig erscheinen, wird mir aber auch immer wieder bewußt, wieviel wir in unserer Gesellschaft schon den materiellen Werten geopfert haben. Wieviel wir besitzen und wie arm wir dennoch oft sind. Das Glück, welches den Pilger durchströmt, wenn er hier nach jahrelangem Sparen am Ganges steht, ist wahrscheinlich ein anderes als jenes, welches wir empfinden, wenn wir von der Bank einen Kredit für unseren neuen Mecedes bekommen haben. Der Pilger besitzt vielleicht nichts mehr, aber er hat alles. Für uns gehts Theater erst los, wir brauchen eine Alarmanlage für unser neues Heiligtum, -zig Versicherungen, schmutzig werden darf er während der ersten 5 Jahre auch nicht und wir schlafen schlecht, da in der Nacht vielleicht ein Vogel draufkacken könnte. Es ist einfach eine völlig andere Welt und ich weiß nicht so genau, welche die bessere ist. Vielleicht irgendwo in der Mitte, wie so oft. Viel Besitz scheint oft gleichzeitig auch viel Last zu sein, wenig Besitz dafür vielleicht mehr Freiheit…
Shivratri war irre und hat völlig für die verpasste Kumbha Mela entschädigt. Sehr viele der Shiva-Sadhus sind nach der Kumbha Mela nach Varanasi gekommen. Ich hab zwar keine Sadhus getroffen, die ich schon kannte, hatte aber durch mitgebrachte Fotos von vergangenen Reisen phantastische Möglichkeiten, neue Babas kennenzulernen. Es war alles sehr entspannt, sie waren noch etwas benebelt von einem Monat Hochleistungskiffen in Allahabad und warteten auf die Gelegenheit, nach einer atemberaubenden Prozession durch die Altstadt in den Vishvanath-Tempel zu Pooja gehen zu können. Am Abend vorher rannten Hunderttausende normale Leute die Panch Kosi, 5 mal eine 14 km lange Runde duch die Stadt, Hare Hare Bole Bole rufend. Die gesamte Strecke war gesäumt von Bettlern und Pseudobettlern, die reichlich Reis und Rupies ausgeteilt bekamen. In jedem Shiva-Tempel besondere Poojas, alles schön geschmückt und neu gestrichen. Am nächsten Morgen dann, die Pilger rannten noch immer, rieben sich die Sadhus ihre nassen Körper mit Asche ein und rannten zur Prozession. Dort, im morgendlichen Dämmerlicht, hunderte nakte Naga-Babas, ungeduldig, aufgeregt, Hare Hare Bole Bole rufend, Szenen aus einer unwirklich erscheinenden Welt. Ich bin die gesamte Prozession mitgegangen, nur in den Tempel durfte ich nicht hinein. Ich hab so etwas ja nun schon ein paar Mal erlebt, aber mir jagt es immer wieder kalte Schauer den Rücken runter. Ab und zu erkannte mich einer derer, die ich in den Tagen davor fotografiert hatte und hielt mir seine Haschischpfeife hin. Aber ich brauchte gar nichts zu rauchen, es reichte schon, was an Rauchschwaden durch die Gassen wabberte. Nachmittags, als alles vorbei war, lagen dann die meisten irgendwo im Schatten und träumten von Shiva, nur die ganz Harten rauchten sich noch die letzten Reste Hirn weg. Abends dann, die meisten waren wieder aus dem Koma erwacht, Feuer qualmten vor sich hin, wurden von den Menschen überall an den Ghats aus kleinen Öllämpchen grosse Shiva-Lingams, das Symbol von Shiva und Parvati, aufgebaut und angezündet. Tausende dieser kleinen Flammen flackerten am Ufer und es war wieder mal einer der Momente, in denen mir bewusst wird, was mich immer wieder hier her zieht.
Inzwischen bin ich in Khajuraho, einem kleinen Dorf mit einigen sehr gut erhaltenen Tempeln aus der Chandella-Zeit vor ca. 1000 Jahren. Die Sandsteintempel sind über und über mit wunderschönen, sehr erotischen Skulpturen bestückt, wieder mal Bildhauerkunst in Perfektion. Zur Zeit findet hier das alljährliche Tanzfestival statt, eine Woche lang jeden Abend klassischer Tanz auf einer Bühne vor einem der Tempel. Es könnte romantischer nicht sein. Heute morgen hatte ich das Riesenglück dazuzukommen, als ein indischer Fotograf einige der Tänzerinnen, vor den Tempeln posierend, fotografierte. Ich hatte blitzschnell beschlossen, dass es seine Aufgabe für den heutigen Tag sein soll, sich in Situationen zu fügen, die nicht zu ändern sind. Die Tänzerinnen perfekt ausgeleuchtet mit Spiegeln, geduldig wartend, bis er fertig mit einstellen war. Ich war immer schneller als er, der Verschluss meiner Kamera ratschte immer immer ein paar Sekundenbruchteile vor dem der seinen. Er versuchte, mich loszuwerden, aber es hat nicht geklappt. Wenn ich will, kann ich auch wie ein Inder sein. Man kann mir sagen, was man will, ich sage zwar ja, mache es aber doch nicht. So habe ich jetzt einen ganzen Film voller wunderschöner, in der Morgensonne vor genauso wunderschönen Tempeln posierender Tänzerinnen.
