KAMBODSCHA, Anfang Januar 2009

Ich werde nach den Vorträgen ganz oft von Zuschauern gefragt, wie ich zu dem schönen Nahaufnahmen und Portraits der Menschen Indiens komme. Diese Fotos waren meist problemlos möglich, da ich bei meinen längeren Aufenthalten in Indien immer genügend Zeit hatte, mit den Menschen in Kontakt zu kommen, die ich gerne fotografieren wollte. Da ich meist längere Zeit an den einzelnen Orten verbracht habe, war ich nicht darauf angewiesen, alles Interessante sofort zu fotografieren. Ich wusste gar nicht mehr, wie es sich anfühlt, wenn man an seinen (meist sehr limitierten) Jahresurlaub gebunden ist und trotzdem möglichst viel sehen, erleben und auch fotografieren will.
Bewusst geworden ist es mir wieder, als ich über den Jahreswechsel 2008/09 in Kambodscha unterwegs war. Ich hatte, im Gegensatz zu sonst, auch nur 3 Wochen zur Verfügung und mir wurde plötzlich klar, was die Zuschauer meinten, wenn sie sagten, sie trauen sich nicht, die Menschen zu fotografieren. Es war nicht so, dass ich mich nicht getraut hätte, ich hatte eher für mich das Gefühl, die Leute zu veralbern. Irgendein Interesse an ihnen vorzuspielen, schnell ein Foto machen und wieder zu verschwinden. Und dabei wäre es so einfach gewesen, die Khmer sind sehr offen und freundlich. Wenn meine Hemmungen nicht gewesen wären, wäre fotografieren sehr einfach gewesen. Ich denke, ich werde wohl noch einmal nach Kambodscha zurückkommen und mehr Zeit mitbringen. Dann wirds wieder gemütlicher und die Fotos von den Menschen werden auch wieder andere
Die zum Teil 1100 Jahre alten Tempelanlagen im Zentrum Kambodschas waren mein Hauptziel. Ich hatte halb verfallene Tempel vor meinem geistigen Auge, überwuchert von Urwaldbäumen mit riesigen Wurzeln und war etwas überrascht, wie touristisch erschlossen und vermarktet die ganze Anlage doch ist. Ich war einfach mal 50 Jahre zu spät dran. Beeindruckend genug ist es aber natürlich immer noch und wenn man sich von den zentralen Tempeln etwas in Richtung Peripherie bewegt, wirds auch schon etwas unaufgeräumter. Mit ein wenig suchen hab ich dann aber auch noch Tempel gefunden, die dem nahe kamen, wie ich mir die ganze Anlage vorgestellt hatte. Und es steht sicher noch ne Menge im leider oft verminten Wald. Zum fotografieren sind die Tempel aber immer noch ein Fest. Wunderschöne Steinbildhauerkunst, gigantische Statuen, vieles ist noch von den Wurzeln der Urwaldriesen umschlungen. Um die Anlage vor dem weiteren Verfall zu schützen, aber auch, um die Tempel dem Touristenansturm zugänglich zu machen, wurden viele der großen Bäume gefällt. Mit den gefällten Bäumen verschwand aber leider auch ein großes Stück der Mystik. Also auch zum fotografieren war ich ein paar Jahre zu spät da.
In 3 Wochen war es natürlich unmöglich, viel vom Land zu sehen und ich wollte auch nicht nur von Ort zu Ort hetzen. Ich hab noch etwas Zeit bei den schwimmenden Dörfern auf dem Tonle Sap verbracht. Die miteinander verbundenen Hausboote werden von fast ausschließlich Vietnamesen bewohnt, die ihren Lebensunterhalt mit Fischfang bestreiten. Und für die das Überleben wahrscheinlich viel schwieriger werden wird, wenn erst die geplanten Staustufen des Mekong errichtet sind und damit die Fischlaichgebiete des Tonle Sap zerstört werden. Aber daran denkt jetzt noch niemand, Strom ist im Moment wichtiger. Blöd wirds dann, wenn in ein paar Jahren alle ihre chinesische Mikrowelle haben, aber nix mehr zum drin kochen.
Kambodscha hatte ja auch alles andere als eine friedvolle jüngere Vergangenheit. Ich hatte zwar vorher schon von Pol Pot und den Roten Khmer gehört, aber was dort wirklich geschehen ist, war mir nicht so klar. Zwischen 1975 und 1979 haben die Khmer Rouge auf bestialische Art und Weise fast ein Drittel der damaligen 7 Millionen Bevölkerung vom Leben zum Tode verholfen, alles im Namen des Kommunismus und mit dem Ziel, einen reinen Agrarstaat zu schaffen. Die komplette Intelligenz des Landes wurde zuerst beseitigt, das Tragen einer Brille reichte als Grund zur sofortigen Exekution. Kinder wurden gezwungen, ihre eigenen Eltern zu foltern und zu töten. Ich will Euch das jetzt nicht alles so im Einzelnen darlegen, es ist alles ziemlich bedrückend.
Wenn man jetzt im Land unterwegs ist, scheint diese Zeit nicht mehr so präsent zu sein. Kambodscha hat eine auffällig junge Bevölkerung, die sehr mit dem Blick nach vorn lebt und nicht in Depressionen versinkt. Die Menschen sind unglaublich freundlich, trotz ihrer meist sehr schwierigen Lebensumstände. Der Großteil der Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft, was aber in einer Gegend, die heute noch über große Flächen mit Landminen belegt ist, auch alles andere als idyllisches Landleben ist. Aber tief drin, für mich als 3-Wochen-Besucher nicht so richtig sichtbar, kann einfach noch nicht alles vergessen sein. Niemand der Khmer Rouge-Funktionäre wurde jemals ernsthaft für die begangenen Greueltaten zu Rechenschaft gezogen, Pol Pot durfte bis zu seinem Tod 1998 relativ unbehelligt im Dschungel Kambodschas leben. Die Khmer Rouge existieren nach wie vor als Organisation, wenn auch nur im Untergrund. Im Februar diesen Jahres, also schlappe 30 Jahre später, wurde nun der Erste der Khmer Rouge-Führungsriege von einem Tribunal der UNO angeklagt….
Das große Dilemma der kambodschanischen Bevölkerung wird wohl sein, dass sie unter ihren Reisfeldern kein amerikanisches Erdöl vergraben haben und somit auch für die Ritter der Achse des Bösen keine Veranlassung bestand, sich dort um die Einhaltung der Menscherechte zu bemühen.